Film-Tipp: Ein Herz und eine Seele

Es gibt Tassen zu kaufen, die neben seinem Konterfei auch seinen Lieblingsspruch zeigen: Dusselige Kuh! Diese Charmeoffensive galt, natürlich, Gattin Else. Und sie geht auf das Jahr 1973 zurück.

Damals versprach der Prolog zur Serie „Ein Herz und eine Seele“ ein Stück heile Welt. Die sozialliberale Koalition unter Willy Brandt war angetreten, mehr Demokratie zu wagen, die 68er hatten ihre Spuren in der Gesellschaft hinterlassen. Überspitzt: Kommune statt Ehe und Kinder. Da sollten konservativ denkende Menschen in „Ein Herz und eine Seele“ einen Gegenentwurf  zu den Auflösungserscheinungen der traditionellen Familie finden. Sprach Else alias Elisabeth Wiedemann und lächelte mild in die Kamera.

Das war’s dann aber auch schon mit der Milde. Alfred Tetzlaff, klein von Gestalt und noch kleiner im Geiste, entpuppte sich als unangenehmer Zeitgenosse. Er trat tatsächlich für traditionelle Werte ein – aber wie. Die 68er waren für ihn „Komsomolzen und Hippies“ und „klassenbewusste Faulpelze“. Eigentumsdelikte seien ja Teil des Bad Godesberger Programms, befand Alfred, was eindeutige Rückschlüsse darüber zulässt, wo er an der Wahlurne sein Kreuz setzte. Schwiegersohn Michael, dessen Eltern noch in der DDR lebten,  war natürlich der ideale Widerpart: Dass dort Übergewicht schon eine Art Volkskrankheit sei, führte Michael als Gegenargument zum Klischee vom „Notstandsgebiet Zone“ auf. Das seien alles Hungerödeme, befand Alfred und beendete damit das Thema. Und wenn er, was häufig vorkam, Götz von Berlichingen zitierte, kam er nicht bis zum letzten Wort. Else fiel ihm mit einem entrüsteten „Alfred!!!!!!“ zeitig ins Wort.

Ob zu Ende gesprochen oder nicht, mit Derbheiten wurde keineswegs gegeizt. So hatte es Wolfgang Menge, der Erfinder der Serie, angelegt, das war neu im deutschen Fernsehen. Ausdrücke, für die man Kindern den Nachtisch gestrichen hätte, fanden sich jetzt im ersten Programm. Gattin Else war besonders oft Zielscheibe von Alfreds Gemeinheiten, deren Basis sein überbordendes Selbstbewusstsein war. Tochter Rita wusste sich zu wehren – im Gegensatz zu Else, die mit dem Tagesgeschehen so ihre Schwierigkeiten hatte, Kurt Georg Kiesinger und Henry Kissinger ebenso verwechselte wie Madame Pompadour und Georges Pompidou … diese Familie war ganz sicher nicht, was Elisabeth Wiedermanns Prolog in Aussicht gestellt hatte. Typisch Wolfgang Menge. Der politische Hintergrund wird heute vielleicht unterschätzt: Alfreds Tiraden und ihre Gegenreden zeigen, wie erbittert sich damals selbst die großen Volksparteien gegenüberstanden.

Nach eineinhalb Jahren Pause wurde kräftig umbesetzt: Die Rolle der Gattin übernahm Helga Feddersen,  die des Schwiegersohns Klaus Dahlen. Zwei Neue, die als Comedians schon jede(r) einen großen Namen hatten. Else war jetzt etwas aufmümpfiger, auch der Schwiegersohn anders als früher. Und doch: „Never change a winning team“, die Zuschauer waren an die Ur-Besetzung gewöhnt, neben der keine andere bestehen konnte. So endete die Neuauflage nach nur vier Folgen.

Für alle vier Hauptdarsteller der Ur-Besetzung war „Ein Herz und eine Seele“ ein Karriereschub. Legendäre Folgen werden regelmäßig wiederholt, etwa an Rosenmontag und Silvester. Die ganze Serie allerdings darf heute als Ur-Form der vielen Comedys gelten, die heute in den Programmen gang und gäbe sind. Und mindestens eine der vielen Nebenrollen sollte erwähnt werden: Marie-Luise Marjan fühlte sich auf offener Straße von Alfred verfolgt, dabei hatte der nur einen Taucheranzug anprobiert … erst Jahre später wurde aus der belästigten Nachbarin Mutter Beimer, der gute Geist der gesamten Nachbarschaft.

„Ein Herz und eine Seele“ (gesamte Serie)

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