Lese-Tipp – Lindgren: Mio, mein Mio

Nicht nur mit einer Neuausgabe ihrer Jugenderinnerungen für ein erwachsenes Publikum, sondern auch mit der Luxusausgabe eines Kinderklassikers würdigt der Oetinger Verlag seine wohl berühmteste Autorin zu deren 20. Todestag am 28. Januar 2022.

Aber: Ist “Mio, mein Mio” wirklich nur ein Buch für die jugendlichen Leserinnen und Leser? Die Frage darf, über 70 Jahre nach dem Debüt, gestellt werden: Das erste Kapitel erschien 1950 als Zeitungsbeitrag, das komplette Buch in Schweden 1954 und ein Jahr später in deutscher Übersetzung.

Ein Waisenjunge, Bosse, von seinen Pflegeeltern höchstens geduldet, aber keinesfalls geliebt, erfährt durch das Zusammenspiel glücklicher Fügungen, wer wer wirklich ist: Ein Prinz, den sein Vater, der König neun Jahre lang gesucht hat, solange Bosse eben auf der Welt ist. Und Bosse heißt in Wirklichkeit Mio. Mios Heimat ist das “Land der Ferne”, in dem er sich sofort heimisch fühlt und erfährt, was die Pflegeeltern ihm verweigerten. Aber auch da ist nicht alles schön und gut, gibt es den Widerstreit zwischen Gut und Böse. Der gute König gegen den bösen Ritter Kato, und es wird Bosses Aufgabe sein, diesen Widerstreit zu lösen. Heißt, natürlich, das Böse zu besiegen.

“Mio, mein Mio” ist ein Märchen im besten Sinne, als solches aber ein ganz besonderes Kunstwerk. Die Sprache erscheint auf den ersten Blick besonders einfach, mitunter schlicht, mit vielen Wiederholungen. Gerade das macht die Eindringlichkeit aber aus. Ein Junge wird, aus einer für ihn unglücklichen Situation heraus, in ein besseres Leben geführt, aber auch da muss er sich bewähren. Viele Abenteuer sind zu bestehen, und dass das gut ausgeht, weiß nur, wer “Mio, mein Mio” schon einmal gelesen hat. Erstleserinnen und Erstleser erfahren das erst ganz zum Schluss. So, wie es im klassischen Märchen ist.

Aber, noch einmal: Ein Märchen nur für Kinder? Beim ersten Erscheinen von “Mio, mein Mio” lag der Zweite Weltkrieg erst wenige Jahre zurück. Da lag eine politische Deutung für viele Rezensenten nahe, und solche Interpretationen hat es immer wieder gegeben. Man kann ihnen folgen, aber muss es nicht.

Die Neuausgabe behält die Übersetzung von Karl Kurt Peters bei. Die Illustrationen aber sind neu, und sie hat Johan Egerkrans beigetragen. Er ist 1978 geboren, in dem Jahr, da Astrid Lindgren mit dem Friedenspreis des deutschen Buchhandels ausgezeichnet wurde. Ihrer Dankesrede gab die Preisträgerin den Titel “Niemals Gewalt”. Wer eine friedliche Welt wolle, müsse mit der Kindererziehung den ersten Beitrag dazu leisten. Davon war Astrid Lindgren lebenslang überzeugt. “Mio, mein Mio” macht diese Überzeugung besonders deutlich. Ein Märchen, sicher. Aber eines für Kinder – und Erwachsene, die sich ein Stück Kind-Sein bewahrt haben.

Astrid Lindgren: Mio, mein Mio. Deutsch von Karl Kurt Peters. Illustrationen von Johan Egerkrans. Oetinger Verlag; 15 Euro.

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