Lese-Tipp – Kebekus: Es kann nur eine geben

Ach, sie kann eine(n) so herrlich entlarven! Ja, mit dem Buchstaben in der Klammer sind beide Geschlechter gemeint. Nehmen wir Carolin Kebekus, denn von ihr ist hier die Rede, nur mal als Millionärswitwe Veronika Rodcke: Voll und ganz selbstloser Gutmensch, jedenfalls glaubt sie das fest von sich, tappt sie beim „Helfen“ von Klischee zu Gemeinplatz und formuliert dabei mit schlafwandlerischer Souveränität eine Beleidigung nach der anderen. In Senioreneinrichtungen, Kindertagesstätten, aber auch im Dialog von Mensch zu Mensch erwischt Veronika so ziemlich jeden Fettnapf, der erwischt werden kann.

Als sie selbst, hier als Autorin, ist Carolin Kebekus wesentlich dezenter. Aber auch so schafft sie es,  den Finger in eine erstaunlich große Wunde zu legen: Wie sieht es denn aus mit der vielgelobten Gleichberechtigung der Geschlechter? Frauen in Führungspositionen – kein großes Ding mehr heutzutage?

Der genaue Blick, der für Carolin Kebekus so typisch ist, zeigt, dass da tatsächlich noch viel „Luft nach oben“ ist. Die Tücken liegen, wie so oft, in den wenig beachteten Details. Zum Beispiel: Welche Frage wird gerne in den Vordergrund gestellt, wenn man erfährt, dass  sich im Verwandten- oder Bekanntenkreis Nachwuchs ankündigt? Richtig – die, ob man denn schon weiß oder wissen will, „was es wird“. Die Geschlechterfrage steht ganz oben.

Oder: Starke Frau = dominante Frau? Nicht zwingend, sagt die Autorin und verweist dezidiert darauf, dass auch die zurückhaltende Persönlichkeit gebraucht wird und dass Zurückhaltung nicht gleichzusetzen ist mit Zaudern. Das Patriarchat weist sie als immer noch existierend nach, widmet aber auch der Rivalität unter den Frauen ein umfangreiches Kapitel. Dem „Gendern“ in der Alltagssprache traut sie, wen wundert’s, weniger ausgleichende Wirkung zu als seine Befürworter.

Carolin Kebekus tut mit diesem Buch etwas, das heute eher selten ist: Sie leistet einen umfangreichen Beitrag zu einer Debatte. Klar, ihr Anliegen ist die Gleichberechtigung, aber sie liefert dafür keine Streitschrift. Sondern eine Art gesellschaftlicher Bestandsaufnahme mit verblüffenden Ergebnissen.

Carolin Kebekus: Es kann nur eine geben. (Mit Mariella Tripke/Illustrationen: Studio Mila). Kiepenheuer und Witsch Verlag; 18 Euro.

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