Lese-Tipp – Seghers: Der Solist

Der Plot bewegt sich irgendwo zwischen BND, Verfassungsschutz und diversen deutschen Geheimdiensten. Nur an der Peripherie des Geschehens liegt der Fall Amri mit dem Attentat am Breitscheidplatz in Berlin, bisweilen parallel angesiedelt – kleinere interne Nebenschauplätze. Ein hoher Beamter wurde in Berlin ermordet, seines Zeichens Jude. Aus Frankfurt wird zur Aufklärung Neuhaus angefordert, der offensichtlich aktuelle und frühere Erfahrungen mit ähnlichen Inhalten aufweist. Ihm zur Seite steht in Berlin als Partner Grabowski,, eine Frau. Beider Vornamen werden nicht genannt, was offensichtlich in diesen Kreisen zum guten Ton gehört und Neutralität bezeugen soll. Neuhaus ist Single, ebenso wie Grabowski. Ein Spannungsfeld zwischen beiden wird geschickt aufgebaut, wobei der Erfolg im Beruf absoluten Vorrang genießt, Privates ganz außen vor bleibt.

Autor Seghers pflegt eine knappe, ziemlich schnörkellose, oftmals schmerzhaft direkte Sprache, lässt aber auch hin und wieder Ironie und sogar einen gewissen Sarkasmus durchschimmern. Beispiel: Anlässlich einer abendlichen Einladung bei einem Kollegen, bemerkt Neuhaus unter dem Esstisch einen Bullterrier, der ihn unverblümt anstarrt und anfangs auch anknurrt. Neuhaus: „Beißt der auch?“ Gastgeber: „Nein, der frisst nur am Stück“. Seghers spielt da gerne ab und an mit dem Schauer über dem Rücken der Leser*innen, mit deren Entsetzen. Während der eigentliche Plot in Geheimdienstkreisen hin und her pendelt, stets sprachlich zwischen „geschliffen“ und „rotzig-vulgär“ pendelnd, wird der „Fall Schuster“ als zweites Thema auf etlichen Ebenen ver- und behandelt, zwischen Verdächtigen und Schuldigen werden die Spannungsmomente aufgereiht, der Leser mag das Buch gar nicht beiseite legen.

Und plötzlich ist der Roman zu Ende. Etwas Enttäuschung drängt sich auf, aber die Story ist in der Tat abgeschlossen. Seghers oszilliert stilmäßig zwischen Gerichtsreportage, Tagebuchfragmenten und der Diktion einer Untersuchungskommission. Das macht „Der Solist“ so lesenswert. Wenn ein etwas gewagter Vergleich erlaubt sein möge: Hemingway und Raymond Chandler könnten beide (auch gemeinsam) Seghers’ Väter im Geiste sein..

Jan Seghers: Der Solist. Rowohlt Verlag; 20 Euro (e-Book: 14,99 Euro)

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