Tradition: 60 Jahre Strandautos

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Sommer 1956 an der Riviera: Es war heiß, die Sonne brannte und die Strände von San Remo bis Saint Tropez zogen die Menschenmassen geradezu magnetisch an. Darunter nicht wenige Multimillionäre, die auf ihren Mega-Yachten durchs Mittelmeer kreuzten und denen es an nichts zu fehlen schien. Außer an einem schicken automobilen Beiboot für den Land- bzw. Strandgang, wie der legendäre Automobildesigner Pininfarina und Gianni Agnelli, der Enkel des Fiat-Gründers Giovanni Agnelli, fast zeitgleich feststellten.

Gefragt war ein kleiner, verführerischer und doch praktischer Hingucker, ganz so wie der gerade in Mode gekommene Strand-Bikini. Pininfarina präsentierte deshalb in Paris den Fiat 600 Eden Roc. Basierend auf dem originellen Microvan Fiat Multipla sollte der als vollkommen offenes Cabrio – ohne Türen und Verdeck – konzipierte Kunststoffflitzer die Schönen und Reichen zum Beachclub chauffieren. Ein unwiderstehliches Strandauto, befand sogar Henry Ford II in Detroit und ließ sich den Eden Roc liefern.

Dagegen animierte Agnelli die Carrozzeria Ghia zum Bau der fröhlichen Fiat 500 und 600 Jolly, die bis nach Amerika Sand aufwirbelten. Echte automobile Motorboote fürs Meer waren ab 1959 die deutschen Amphicars, während Mini Moke, Citroën Méhari, Renault 4 und Rodeo in den 1960er und 1970er Jahren zusätzlich als Nutzfahrzeuge dienten. Letztlich brillierten sie aber ebenfalls als Lieblinge des Jetsets und als unkonventionelle Spaßmobile, so wie die Flut der Buggies auf VW-Käfer-Basis. Heute ist es der batteriebetriebene Citroën E-Méhari, der die Idee des leichten Surfboard-Shuttles wiederbelebt, während der VW Beetle Dune an die Tradition der Dünenrenner erinnert.

Tatsächlich war es vor 60 Jahren deutlich leichter, legal durch Dünen- und Strandterrains zu fahren. Aber auch heute finden sich für das abwaschbare E-Mobil von Citroën oder den höher gelegten Beetle Dune noch Autostrände an europäischen Küsten, um im Meer dort geparkter konventioneller Pkw bunte Akzente zu setzen. Die goldene Ära der stylishen Sommer-Sonne-Strandfahrzeuge der schillernden Fifties und Swinging Sixties lässt sich jedoch nicht mehr zurückholen.

Damals, als die Beachcars zum unverzichtbaren Accessoire von Jetset, Playboys, Hippies, Surfern, Industriemagnaten, Fürsten und Königen wurden. Gleich ob Aristoteles Onassis, Fürstin Gracia Patricia von Monaco oder Beatrix, die angehende Königin der Niederlande, sie alle setzten ebenso wie die US-Leinwandmegastars Mae West, Mary Pickford, John Wayne und Yul Brynner sowie US-Präsident Lyndon B. Johnson auf das Flair von Fiat Jolly, Gamine & Co. mit ihren rustikalen Korbsesseln, luftigen Segeltuchdächern und bootsähnlichen Plastikrümpfen.

Ein globaler Trend, made in Italy. Gianni Agnelli, ausgewiesener Ferrari-Fan und bereits Fiat-Vizepräsident, liebte nicht nur seine Yachten und Schwimmausflüge vom Hubschrauber aus, sondern auch die kleinen Heckmotor-Minis 600 und 500 Nuova, die er deshalb von Ghia zu perfekten Beachtoys für Badegänge und Bistrobesuche umbauen ließ. Was Agnelli – von vielen als „wahrer König Italiens“ betrachtet – für gut befand, war sofort en vogue. Auch in Amerika, wohin Agnelli regelmäßig reiste. So flutete eine Welle feiner und origineller Strandautos von Karosserieschneidern wie Fissore, Vignale und Michelotti zuerst die automobilen Modemessen in Turin und Paris, dann die Cote d'Azur und schließlich Catalina Island vor Kaliforniens Küste.

Beflügelt wurde der Bau der maritimen Minis durch das seit Anfang der 1950er Jahre grassierende Fiberglas-Fieber. Leichtgewichtige und rostresistente Plastikkarosserien ließen sich nun billig produzieren und auch über Kleinstwagenchassis stülpen. Weshalb die spaßigen Strandautos schnell nicht nur von Fiat kamen, sondern auch von anderen Micro-Car-Produzenten. Darunter die englischen Hersteller Meadows (Frisky Sport), die italienische Carrozzeria Frua (etwa Volkswagen Sun Valley oder Glas 1004 Ranch), die spanische Fiat-Tochter Seat (600 Savio), der niederländische Kleinwagenspezialist Daf (Kini) und nicht zu vergessen die kaum zu überschauenden Vielfalt von VW-Buggy-Bausätzen verschiedener europäischer und amerikanischer Anbieter.

Autos mit sonnigen Sonderkarosserien, deren Neuwagenpreise durchaus ambitioniert waren. Dafür bleiben diese Sunnyboys ewig begehrenswert, wovon ihre Wertsteigerungen zeugen. So erzielen Fiat Jolly inzwischen Versteigerungserlöse von bis zu 250.000 Dollar und Pininfarinas Eden Roc wird sogar schon für über 650.000 Dollar gehandelt.

So kostspielig sind die Amphibienfahrzeuge des Konstrukteurs Hanns Trippel nicht. Vorgestellt 1959 und mitfinanziert durch den Industriellen Harald Quandt gingen die land- und wassertauglichen Amphicars 1960 in Serie, allerdings endete die Produktion schon 1963 nach nur rund 3.900 Fahrzeugen. Mit Preisen ab 10.500 Mark (fast so viel wie zwei Opel Rekord) waren die vierrädrigen Wellenreiter schlicht zu teuer, weshalb sich der Abverkauf trotz massiver Preissenkungen bis 1965 hinzog. In jenem Jahr zog Australien gerade eine Fabrik hoch, in dem der britische Austin Mini Moke in Lizenz gebaut werden sollte. Das genügsame „Eselchen“ war unter Surfern und Sandfans bereits Kult und startete nach einer wenig erfolgreichen Karriere im Militärdienst durch, um endgültig unsterblich zu werden. Tatsächlich schaffte es der Moke im 21. Jahrhundert über Umwege sogar bis nach China, wo er kopiert wurde, um dann von dort aus als Bausatz in seine britische Heimat verkauft zu werden.

Was für die Engländer der Moke, waren für die Franzosen Méhari und R4 Plein Air. Im Mai 1968, einer Zeit, die von Rebellion, aber auch von Freiheit und Unbekümmertheit bestimmt war, debütierte der Citroën Méhari im noblen Deauville. Explizit als Fahrzeug zum Transport von Heuballen oder Surfbrettern, das sich dank frugaler Kunststoffkarosserie vom Bauern oder Beachboy mit dem Schlauch reinigen ließ. Zwar basierte der fast 20 Jahre lang gebaute Méhari auf dem 2 CV, er war aber von Beginn an wesentlich poppiger lackiert. Und mit einem Verdeck ausgestattet, das sich bis zum Karosseriegürtel abnehmen ließ. Genau damit begeisterten auch die Rodeo, die Renault auf Basis der Typen R4 und R6 baute. Vorausgegangen waren Sinpar-Allradversionen des R4 und der offene Renault 4 Plein Air. Während es die Renault Rodeo auch in Deutschland zu großer Popularität brachten, konnte der Citroën Méhari wegen seiner brennbaren Karosserie aus ABS-Kunststoff nur per Einzelzulassung eingeführt werden.

Nachdem Cabriolets in den 1980er Jahren fast ausstarben und auch Strandautos bis auf kleine Geländegänger wie den Suzuki LJ (Eljot) selten wurden, besannen sich um die Jahrtausendwende viele Marken der emotional aufgeladenen Beachcars. Meist blieb es bei Concept Cars wie dem Seat Marbella Playa, einige gingen aber auch in Serie. Etwa der Subaru Baja, ein Allrad-Pick-up für Surfer und Beachcomber. Ein Hype blieb jedoch aus. Ob dieser heute von Modellen wie Citroën E-Méhari und Volkswagen Beetle Dune losgetreten werden kann? Text: Spot Wolfram Nickel/SP-X
Fotos: Hersteller/SP-X