Chevrolet Corvette 427: Ein “Roaarrrr!” zum Abschied

Beitragsbild
Foto 1
Foto 2
Foto 3

Es war ein nasser, kalter Tag im Januar 1953 und nach Autofahren stand den New Yorkern sicher nicht der Sinn. Zumindest nicht nach einer Fahrt mit diesem kleinen weißen Cabrio, das sich gerade im Rampenlicht sonnte. Doch auch wenn oder gerade weil die Jahreszeit kaum ungünstiger hätte sein können, standen sich die Menschen fast die Beine in den Bauch, um einen Blick auf den kleinen, offenen Zweisitzer zu erhaschen.

So beginnt die Geschichte eines der erfolgreichsten Sportwagen aller Zeiten. Denn was da im Hotel Waldorf Astoria unter dem Projektcode XP-122 präsentiert wurde, begann noch im selben Jahr seinen Siegeszug und wurde als Corvette weltberühmt. Für die Amerikaner mindestens so bedeutsam wie für uns der Porsche 911 oder für Italiener der Ferrari Dino hat sich die Mutter aller Muscle Cars in sechs Generationen und ebenso viel Jahrzehnten mittlerweile 1,5 Millionen Mal verkauft und damit jeden anderen Sportwagen ausgestochen. Und jetzt steuert die Geschichte auf ihren nächsten Höhepunkt zu. Denn im neuen Jahr feiert Chevrolet nicht nur den 60. Geburtstag des Kult-Klassikers, sondern zieht auch das Tuch von der neuen, dann schon siebten Generation des US-Ferrari.

Zwar gibt es wenige Tage vor der Weltpremiere auf der Motorshow in Detroit nur ein paar getarnte Erlkönig-Bilder, und die kompletten Details dürfte Chevrolet erst zur Markteinführung im Sommer verraten. Doch schon jetzt kommt die PS-Gemeinde beim Gedanken an die C7 genannte Neuauflage so auf Touren, dass der Gasfuß zittert, die Augen leuchten und alle Welt begierig die wenigen Daten aufsaugt, die General Motors schon verraten hat. Groß war deshalb zum Beispiel die Erleichterung, als Chefingenieur Tadge Juechter bestätigte: Ja auch die neue Corvette bekommt natürlich wieder einen V8-Motor – selbst wenn ein „Active Fuel Management“ den Achtzylinder im Teillastbetrieb kastrieren und nur noch auf vier Töpfen betreiben wird. Und als Juechter dann auch noch von 455 PS bereits für die Basisversion sprach, einen maximales Drehmoment von 610 Nm und einen Sprintwert von weniger als vier Sekunden in Aussicht stellte – da kannte der Jubel in den Benzin-Blocks keine Grenzen mehr.

Doch all die Vorfreude sollte nicht den Blick auf die C6 verwässern. Schließlich bleibt sie uns noch mindestens ein halbes Jahr erhalten. Und damit den passionierten Schnellfahrern in dieser Zeit nicht langweilig wird, feiert Chevrolet jetzt mit der Edition „427“ ein furioses Finale.

Bei diesem Kürzel werden Corvette-Kenner und Muscle-Car-Fans gleichermaßen hellhörig. Denn was in europäischen Ohren nach einer sinnlosen Zahlenkombination klingt, gibt in Amerika den Hubraum in Cubic Inches an. Und wer das umrechnet, kommt auf glatte sieben Liter und versteht dann ganz schnell, weshalb dieses Auto den Puls der PS-Gemeinde auf Touren bringt. Dazu stehen im Datenblatt statt 437 nun 512 PS und machen das ausschließlich offen lieferbare Sondermodell zum stärksten Corvette Cabrio in der Geschichte der Baureihe. Weil Chevrolet zudem an vielen Stellen Blech durch Karbon ersetzt hat, muss der Achtzylinder nur noch 1.531 Kilo schleppen. Das Leistungsgewicht sei damit besser als bei einem Audi R8 Spyder oder beim Ferrari California, prahlen die Amerikaner.

Und sie haben nicht übertrieben. Denn der aus dem Z06-Coupé bekannte V8-Block brüllt nicht nur so laut, dass es einem nach dem Anlassen noch minutenlag in den Ohren klingelt. Er entwickelt auch eine unbändige Kraft: Erst schwänzelt die Corvette ein bisschen auf der nassen Straße, dann bäumt sie sich auf wie ein Rennpferd beim Start, und kaum einen Augenblick später schießt sie davon wie eine Rakete. Die sechs Gänge klackern nur so durchs Getriebe, die inszenierten Fehlzündungen klingen wie Maschinengewehr-Salven und der Horizont fliegt dem Fahrer förmlich entgegen. Wenn sich die 335er Walzen im Heck irgendwann mit dem Asphalt verzahnen und bis zu 637 Nm in Newtons Sinne zu Werke gehen, sind 100 Sachen schon nach 4,2 Sekunden erreicht. Und mit maximal 307 km/h fährt die aktuelle Corvette auch auf der Zielgeraden ihre Karriere noch locker mit im Rennen um die Pole Position.

Auch das Design hat an Potenz und Präsenz nichts verloren: Flach wie ein Keil duckt sich die Corvette auf die Straße und macht sich dabei breit wie ein Lastwagen. Mit diesem Brutalo-Design teilt sie den zähfließenden Verkehr wie Moses das Wasser – vor allem mit der Kriegsbemalung, die Chevrolet zum 60. Corvette-Geburtstag aufgelegt hat.

Nur innen hat der Sportler mittlerweile etwas Staub angesetzt: Mit mehr als 1,80 Metern passt man bei geschlossenem Dach kaum hinters Lenkrad. Und wenn man mal drin ist, ärgert man sich über viel Billigplastik, schlechte Sitze, antiquierte Instrumente und ein lahmes Verdeck, das man auch noch von Hand entriegeln muss und nur mit angezogener Handbremse bedienen kann. Da ist die Konkurrenz mittlerweile weiter.

Doch erstens ist Abhilfe ja buchstäblich in Sicht. Und zweitens darf man bei aller Kritik auch den Preis nicht außer Acht lassen. Denn in Amerika gibt es die Corvette 427 schon für 76.000 Dollar, und selbst in Europa ist sie mit ihren 100.750 Euro fast noch ein Schnäppchen. Aber vor allem ist sie das perfekte Vorspiel für das, was da ab nächsten Sommer über den Highway rocken wird.

Text: Spot Press Services/Benjamin Bessinger
Fotos: Chevrolet, SPS

Scroll to Top