Formel 1 anno 2011: Neue Technik, neue Regeln (2)

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In knapp einer Woche beginnt in Melbourne mit dem „Großen Preis von Australien“, dem ersten von in diesem Jahr eigentlich geplanten 20 statt 19 Rennen die neue Formel-1-Saison. Dann aber fiel das Auftaktrennen in Bahrain (13. März) den politischen Unruhen in der Golfregion zum Opfer. Neue Regeln, die zwar zum großen Teil, aber nicht ausschließlich, technischer Natur sind, sollen die Show auf den Rennstrecken dieser Welt noch spannender, ausgeglichener und damit auch für neue Sponsoren attraktiver machen. Nachdem wir im ersten Teil unserer Serie vor dem Auftakt-Rennen die Situation um den in diesem Jahr erstmals erlaubten verstellbaren Heckflügel und die sich daraus ergebenden Konsequenzen beleuchtet haben, wollen wir uns heute mit den weiteren Neuerungen des Regelwerks beschäftigen.

Aufgehoben wird in der Saison 2011 das so genannte Stallorder-Verbot, also das bewusste Taktieren innerhalb eines Teams, einen seiner Fahrer gegenüber dem zweiten Piloten bewusst zu bevorteilen. Damit ist die so oft praktizierte „Mauschelei“ innerhalb eines Teams ad acta gelegt. Die Teamleitung darf nun also einen ihrer beiden Fahrer auch offiziell anweisen, den schlechter platzierten Teamkameraden vorbei zu lassen, aus welchen Gründen auch immer. In der Regel wird das dann der Fall sein, wenn der zurück liegende Pilot mehr Punkte in der Fahrer-WM auf seinem Konto hat, als der im jeweiligen Rennen vor ihm platzierte Teamkonkurrent.

Die Problematik der Stallorder ist jedoch äußerst umstritten, vor allem deswegen weil FIA-Präsident Jean Todt als Ferrari-Rennleiter offensichtlich selbst schon Teamorder angewandt hat, als diese noch verboten war. Obwohl dieses Verbot jetzt aufgehoben wurde, gib es dennoch keinen Freifahrtschein für die Teams in der neuen Saison: Es gibt nämlich einen sogenannten Sportkodex, dem sich alle Teams verpflichtet haben. Artikel 151c dieses Verhaltenskodex besagt, dass „der Sport nicht beschmutzt“ werden darf. Das heißt auf gut deutsch: Stallorder ist erlaubt, aber nicht so offensichtlich wie das Ferrari es 2002 mit Schumacher und Barrichello in Österreich oder auch im vergangenen Jahr mit Alonso in Hockenheim gemacht hat. Der jetzt gültige Beschluss wird vielfach kritisiert, weil auf diese Weise angeblich noch undurchsichtiger sei, was erlaubt ist und was nicht.

Ein im vergangenen Jahr erst eingeführtes und von McLaren erfundenes System, dem man dem Namen „F-Schacht“ gab, wird in diesem Jahr wieder auf den Index gesetzt und verboten. Dieser F-Schacht erlaubt es dem Fahrer, während des Rennens durch eine leichte Veränderung der Aerodynamik die Geschwindigkeit für kurze Zeit zu erhöhen. Unter Zuhilfenahme eines kleinen Luftkanals, der sich von der Front des Fahrzeugs durch das gesamte Cockpit bis an das Heck des Boliden geht, wird vor dem Heckflügel ein Strömungsabriss hervorgerufen.

Die Folge ist, dass sich der aerodynamische Abtrieb reduziert, wodurch wiederum eine höhere Endgeschwindigkeit erreicht wird. Die Mc-Laren-Autos gewannen dadurch im vergangenen Jahr auf langen Geraden am Ende bis zu 10 km/h. Neben dem F-Schacht sind auch der verstellbare Frontflügel und der Doppeldiffusor in der neuen Saison nicht mehr erlaubt. Zudem müssen die Getriebe der Fahrzeuge jetzt fünf statt wie bisher vier Rennen am Stück aushalten.

Erlaubt ist in diesem Jahr auch das bereits 2009 erstmals eingeführte Hybrid-System KERS, auf das alle Teams im vergangenen Jahr freiwillig verzichteten. Das bedeutet, dass die Fahrzeuge wie bereits im Jahr 2009 wieder mit zusätzlichen Elektromotoren und Batteriepaketen unterwegs sein werden. Pro Runde stehen dem Piloten für genau 6,7 Sekunden 82 zusätzliche PS zur Verfügung. Wann und wo der Fahrer sich der elektrischen „Heinzelmännchen“ bedient, bleibt ihm überlassen und richtet sich nach der jeweiligen Rennsituation. KERS bewirkt auch, dass das Mindestgewicht der Autos jetzt 640 statt wie bisher 620 Kilogramm beträgt.

Neuer Reifen-Monopolist für die Königsklasse des Motorsports wird in diesem Jahr Pirelli sein. Der italienische Hersteller beerbt damit Bridgestone, das sich Ende des vergangenen Jahres nach vier Jahren als Alleinausrüster aus der Formel 1 zurückgezogen hat. Die Reaktionen der Fahrer auf die neuen Pneus, deren Mischungen Pirelli in monatelanger Vorbereitungszeit mit namhaften Fahrern – darunter auch Nick Heidfeld – getestet hat, sind unterschiedlich. Weltmeister Sebastian Vettel (Red Bull) moniert, dass die Slicks zu schnell „abbauen“. Pirelli möchte dadurch bewirken, dass die Fahrer pro Rennen mindestens zwei Boxenstopps absolvieren müssen.

Text: Jürgen C. Braun
Fotos: Daimler/Mercedes Motorsport

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