Vergleichstest: Chevrolet Orlando/Renault Scénic

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Nach englischer Ethymologie bedeutet der Begriff Van: Liefer- oder Güterwagen, Möbel- oder Packwagen. Transportgüter also. Vom Menschen kein Wort. Dennoch und trotzdem hat sich der Begriff in der heutigen automobilen Typologie etabliert. Als Vielzweckauto (Multi Purpose Vehicle MPV), das Waren und Menschen gleichermaßen kommod und sicher zu transportieren weiß. Kein Serienhersteller kann es sich heute noch erlauben, keinen Van im Portfolio zu haben. Somit ist das Segment brillant besetzt, gleich, ob kleiner, mittlerer oder großer Van. Sie alle haben ihre Liebhaber gefunden, sind teils auch schon über Jahre auf dem Markt.

Die jüngste Kreation dieser Spezies steuert – zum ersten Mal- die GM-Tochter Chevrolet bei, die bislang überwiegend im Kleinst- und Kleinwagensegment Erfolge schrieb. Der Newcomer wurde auf den Namen Orlando getauft und geht nun als einer der letzten Vans im Concerto Grosso der Mitbewerber ins Rennen. Wir haben ihn verglichen mit einem der Platzhirsche auf dem deutschen Markt, dem Renault Scénic, was preislich und überhaupt nur fair ist. Obwohl noch nahezu ein Dutzend weiterer Konkurrenten zu Gebote stand, u.a. Citroën C4 Picasso, Mazda 5, Toyota Verso oder der VW Touran, allesamt inzwischen bewährte Familien-Vans.

Er steht ganz schön selbstbewusst vor uns: glatte Flächen und Linien, fast schnörkellos. Flaches Dach, das nach hinten nicht abfällt wie bei vielen anderen und den Fondpassagieren auf den Scheitel rückt. Gleiche Innenraumhöhe von vorne bis hinten. Vier richtig große Einstiegsportale, die den Zugang ins Wohnzimmer stolperfrei erlauben. Enorm viel Platz nicht nur für die Frontpassagiere, sondern auch und vor allem für die Hinterbänkler. Und eine 3. Reihe gar, auf die man allerdings nur Kids platzieren sollte. Ideale Verhältnisse folglich auch und gerade für Menschen im Gardeformat ab 180 Zentimetern Körperlänge. Überzeugend einfach. Verarbeitung und Materialanmutung gut über dem Durchschnitt, ja, ein wenig edel sogar. Straff die Sitzmöbel und auf textilem Belag sogar mit guten Werten im Seitenhalt. Die ledernen Ausgaben weisen zu wenig Profilierung auf und lassen die Insassen bei seitlichen Lastwechseln hin und her rutschen. Lässt sich sicher noch verbessern. Die Außenhaut: von den Designern beim Würfel abgeguckt: nur geometrisch klare Linien lassen eine optimale Raumnutzung zu. Auch das haben sie kapiert. Die Ablesbarkeit der beiden großen Rundinstrumente im Armaturenträger sind zu bemängeln: zu tief und damit dunkel kauern sie im Verborgenen und die Ziffern sind zu klein, um beim ersten Blick erkannt und verinnerlicht zu werden. Vielleicht könnte eine Tagbeleuchtung für gütige Abhilfe sorgen. Ein beachtlicher Wurf, der neue Orlando.

So bietet sich ein Vergleich mit einem Mobil an, das bereits seine Meriten eingefahren hat und in mehrfachen Generationen erneuert wurde: der Renault Scénic. Während Chevrolet nur einen Benzinmotor mit 1,8 Litern Hubraum und 141 PS anbietet , der an ein manuelles 5-Gangetriebe angeflanscht ist, und nur im stärksten Diesel mit 2 Litern Hubraum und 161 PS ein Automatikpaket anbietet (die beiden Diesel haben ansonsten ein manuelles 6-Ganggetriebe), punktet der Scénic durchweg mit manuellen 6-Ganggetrieben, einem DSG- und einem klassischen Automatikgetriebe.

Beginnen wir beim Outfit: Der Renault ist runder, geglätteter, sein Dach fällt nach hinten leicht, aber dennoch markant ab. Die vier Türen lassen angenehmen Zustieg verwarten, öffnen aber nicht ganz so generös wie beim Orlando. Der Innenraum ist wohnlich möbliert, sanft und weich gestaltet, auch die Sitze entbehren der sportiven Straffheit wie beim Chevrolet. Das Armaturenmodul wirkt etwas uneinheitlicher, auch ein wenig mehr zerklüftet, aber dennoch funktionell. Das Platzangebot für die Hinterbänkler ist ordentlich, aber doch nicht ganz so luxuriös wie beim Orlando. Auch fanden wir einige verdeckte Ecken, wo die Präzision der Verarbeitung noch den einen oder anderen Feinwunsch aufkommen ließ.

Fahreindrücke: während der Orlando zügig und unbeirrt seine Kreise zog, ohne Nicken und Wanken, dabei nie hart oder unkomfortabel wirkte, tendierte sein Kombattant Scénic doch zu Neigungswinkeln um die Hochachse, die wir als nicht so prickelnd empfanden. Die Bremsen waren bei beiden kein Thema, sie griffen sauber und nachhaltig, belohnten den Fahrer mit punktgenauem Halt an der Linie.Das Motorenangebot ist beim Franzosen um einiges reichhaltiger als beim Chevrolet: Drei Benziner und vier(!) Diesel. Beginnend mit einem 1,6 Liter Benziner mit 110 PS und einem 1,5 Liter Diesel mit 106 PS geht’s steil bergan in den Leistungsstufen bis zum 2-Liter Diesel mit 150 PS. So sind dann auch die Preise moderat, beginnend bei 18.900 bis 31.100 Euro in den Serienausgaben. Seitenweise Zubehör und Sonderausstattungen selbstverständlich.

Bei Chevrolet ist das alles etwas übersichtlicher, da nur drei Motoren zu ordern sind: ein Benziner mit 141 PS und ein Diesel in zwei Leistungsstufen mit 130 und 163 PS. Letzterer hat richtig Bums und gefiel uns am allerbesten. Und die Preise sind ebenfalls knapp und übersichtlich: 18.990.- für die Basic- Ausgabe bis hin zum kraftstrotzenden Diesel ab 22.890.-Euro, der sich aber ebenfalls durch ein reichhaltiges Zubehörprogramm auch preislich hochrüsten lässt. Außer Start-Stopp- System hat er nahezu alles an Bord bis zu den 17-Zoll Alufelgen. Da wird dann auch schnell das System Chevrolet erkennbar: je kompletter ausgestattet, umso niedriger werden nach oben hin die Preissprünge.

Auch im Innenraum geht es unspektakulär zu: trotz Winterreifen rollte der Orlando auch über winterbedingte Löcher in Vielzahl einfach hinweg. Beim Scénic traten gerade dann aus dem Heckbereich nicht immer dezente Rumpelgeräusche auf, die etwas störten.

Bilanz: Der Franzose und der Amerikaner sind beide hochwertige Familien-Vans. Die kleinen Unterschiede sprechen nach unserem Ermessen pro Orlando, da der von A bis Z stimmiger und homogener daher kommt und sich keine prinzipiellen Schwächen leistet. Dabei genießt er den Vorteil, der jüngste und vielleicht auch modernste aller Mitbewerber zu sein, auch, wenn ihm der eine oder andere Pfiff oder Gag fehlt. Das Bisschen, was es zu beanstanden gäbe, ließe sich bestimmt beim nächsten Facelift regulieren.

Text: CineMot/Frank Nüssel
Fotos: Frank Nüssel, Renault

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