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Brian Wilson: That Lucky Old Sun.
(Capitol)

Beach Boy Brian Wilson ist zurück bei Capitol Records und damit an jenem Ort, an dem seine Karriere begann – mit einem neuen Album That Lucky Old Sun. Der Titelsong stammt aus dem Jahr 1949, komponiert von Beasley Smith und getextet von Haven Gillespie. Es war die Version von Louis Armstrong, an der Brian Wilson einen Narren gefressen hatte, sodass er im letzten Jahr die Songrechte erwarb. Es bildet nun den musikalischen Aufhänger für eine grandiose Suite, in der alle Songs nahtlos ineinander übergreifen und teilweise durch narrative Überleitungen verbunden sind. Alle anderen Kompositionen stammen von Brian Wilson, der das Album auch produziert hat. Für die Songtexte sorgte Scott Bennett, der nun schon seit einigen Jahren als gitarristischer Begleiter Brian Wilsons fungiert. Die Americana-Koryphäe Van Dyke Parks hat die gesprochenen Zwischentexte geschrieben: Pointierte poetische Reflexionen über Los Angeles und das Lebensgefühl in der city of angels, die der Suite eine feine nostalgische Patina verleihen.

Wie harmoniebesessen und melodieverliebt Brian Wilson noch immer ist, zeigt dieser Songzyklus auf hinreißende Art und Weise. Während bei Morning Beat durchaus ein Beach-Boys-Klassiker wie Do It Again Pate gestanden haben könnte, greift er bei Good Kind Of Love sogar auf Harmonien seiner alten Rivalen, den Beatles, zurück. Forever My Surfer Girl ist ein weiterer, durch wunderschöne Gesangssätze bestechender Wellenbrecher in der nicht enden wollenden Surfer-Saga. Aber Brian Wilson betritt auf seinem neuen Album auch Neuland. Mexican Girl etwa ist mit den Gitarren, Trompeten und Kastagnetten schon fast eine Latin-Humoreske, und bei California Role, einem kleinen Tribut an Hollywood, greift er auf Dixieland-Jazz zurück. Oxygen To The Brain hingegen wirkt mit seinen Bläsern, Flöten, Streichern und Chören wie eine Big-Band-Ode, während das autobiographisch gefärbte, bittersüße Midnight's Another Day inhaltlich, kompositorisch und produktionstechnisch zweifellos den Höhepunkt dieses stilistisch facettenreichen Albums bildet. Der geradezu rockige Titel Goin' Home trägt selbstreflektorische Züge (At 25 I turned out the light, cause I couldn't handle the glare in my tired eyes, but now I'm back, drawing shades of kind blue skies). Den krönenden Abschluss bildet Southern California, ein Song, der noch einmal an die Ursprünge der Beach Boys erinnert und gleichzeitig eine wehmütige Erinnerung an die verstorbenen Brüder Dennis und Carl ist.

Ein Blick zurück: Brian Wilson gründete die Beach Boys gemeinsam mit seinen beiden jüngeren Brüdern Carl und Dennis sowie ihrem Cousin Mike Love und ihrem Schulfreund Al Jardine. Die Idee, Songs übers Surfen zu schreiben, stammte von Dennis, dem einzigen Bandmitglied, das tatsächlich surfen konnte. 1961 erschien mit Surfin' die Debütsingle der Band, die zu ihren frühen Einflüssen Chuck Berry, The Four Freshmen und Phil Spector zählte. 1962 unterschrieben sie bei Capitol Records und starteten eine unvergleichliche Hitserie. Die ersten Jahre waren geprägt von unbändiger Produktivität. Allein zwischen 1963 und 1965 veröffentlichten die Beach Boys zehn Alben und landeten ein Dutzend US-Top-Ten-Hits, darunter die Nummer-Eins-Hits I Get Around und Help Me Rhonda. Waren all die frühen Hits wie Surfer Girl und Fun, Fun, Fun, Barbara Ann oder Wendy reine Lobgesänge auf Sommer, Strand und Mädchen, geprägt von sonnendurchfluteten Gesangsharmonien, hatte das Album Pet Sounds schon fast spirituellen Charakter. Zehn Monate lang hatte Brian Wilson gearbeitet an diesem Jahrhundertwerk, das auch als erstes Konzeptalbum der Pop-Geschichte gilt. Die Beach Boys blieben in wechselnder Besetzung auch ohne Brian Wilson immer aktiv. Im Jahr 2000 wurden sie für ihr Lebenswerk mit einem Grammy ausgezeichnet. Brian Wilson selbst wurde 2006 in die UK Hall Of Fame aufgenommen und Ende letzten Jahres für seine Verdienste um die amerikanische Kultur in die Riege der mit den Kennedy Center Honors Geehrten aufgenommen.

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