Die Tour de France 2008: Jürgen C. Brauns Tagebuch

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Seit Jahren und Jahrzehnten ist es Brauch, dass der große Tross an Fahrzeugen, der sich alljährlich im Juli über mehr als 3.000 Kilometer durch Frankreich wälzt, auch immer mal einen Besuch bei den Nachbarn abstattet. Denn längst ist Le Tour zwar noch ein nationales Ereignis, aber durch Zeitungen, Hörfunk, Fernsehen und Internet eben globaler Besitztum. In diesem Jahr machte die Frankreich-Rundfahrt lediglich einen kleinen Abstecher hinüber nach Italien, dafür aber in eine wunderschöne, beschauliche und genussreiche Region.

Wir nahmen am vergangenen Sonntag, vom Gipfel des San Bernardino kommend, unseren Weg durch das Aostatal Richtung Cuneo. Gleich hinter der Automobilmetropole Turin, der wir heute keine Aufmerksamkeit schenken konnten, machten wir uns mit unserem Ford Mondeo Turnier in eine der anmutigsten Gegenden Oberitaliens auf, das Piemont. Die region piemontese wartet mit verschiedenen Spezialitäten auf, die den höchst urbanen Landstrich im Dreiländereck Frankreich/Schweiz/Italien weltberühmt gemacht hatten. Da sind in erster Linie die Piemonteser Kirschen zu nennen, die in kleinen süßen Pralinen höchst genussreich verarbeitet werden. Wer eine solches Praliné von seinem Gegenüber bekommt, der bedankt sich allerdings nicht auf italienisch, sondern französisch: Denn die kleine Süßigkeit wurde bekannt unter dem Namen Mon Chéri.

Eine spritzige Visitenkarte des Piemont sind aber auch ein äußerst fruchtiger Asti spumante und die weltberühmten weißen Trüffel. Eine kulinarische Köstlichkeit, die ebenso selten wie teuer sind. Verwendung finden sie aber nicht nur in der italienischen, sondern auch und vor allem in der französischen Küche. Die Gelegenheit, sich während der Tour de France neben der Arbeit im Pressezentrum und den vielen Kilometern unterwegs im Kombi auch noch als Gourmet zu präsentieren, sind allerdings meist rein theoretischer Natur. Für eine Degustation, sei sie aus Keller oder Küche, fehlt definitiv die Zeit. Stattdessen gibt es in französischen Supermarchés jede Menge Baguettes, Eau de Vittel und omnipräsenten Käse der Marke La vache, qui rit. Doch die Kuh, die lacht, scheint denjenigen, der sie – wir um diese Zeit – zu Hauf verkosten muss, schon nach wenigen Tagen eher höhnisch anzugrinsen als anzulächeln.

Nicht nur Käse, nicht nur Lebensmittel, sondern offenbar alles, was es zwischen Lille und Marseille käuflich zu erwerben gibt, präsentiert sich etwa zwei Stunden, bevor die Fahrer kommen, in der Caravane publicitaire, der Werbekarawane. Bunt, schrill, schreiend, lautstark wälzt sich der Lindwurm an abenteuerlich aufgemotzten und aufgemöbelten Fahrzeugen über die gleiche Strecke, die auch die Pedaleure zurücklegen. Ihr einziger Auftrag: Auf die Produkte, deren Namen und Outfit sie zu Markte tragen, aufmerksam machen. Den jungen Damen, die auf den meist offenen Wagen sitzen, geht es drei Wochen lang wie La vache, qui rit. Lächeln, was das Zeug hält. Bis die Gesichtszüge einfrieren.

Text und Bilder: Jürgen C. Braun

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