Buchtipp der Woche

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Irene Stratenwerth: Im wilden Osten dieser Stadt. Rowohlt Taschenbuch Verlag; 8,99 Euro.

Seit wie vielen Stunden lag er jetzt wach – ja sogar hellwach – inseinem Bett, mitten in der Nacht? Er versuchte, ruhig und gleichmäßigzu atmen. Sie lag neben ihm, reglos wie ein Stein. Wahrscheinlichhatte sie etwas genommen. Wie fast immer.Er hätte jetzt auch gern ein Schlafmittel gehabt, aber eins, dasihn am nächsten Morgen wieder hellwach in den Tag entließ.Er starrte an die Decke. Von draußen fiel fahl das Mondlichtherein. Sie lagen unter einer der Dachschrägen des kleinen Reihenhauses.Er hatte die Wände längst renovieren wollen. Aber siekonnten sich nicht einigen, ob mit Farbe oder Tapete. Und so hatteer irgendwie den richtigen Zeitpunkt dafür verpasst.Er verbot sich, schon wieder aufzustehen. Zumindest eine halbeStunde lang würde er noch liegen bleiben. Oder eine Viertelstunde.Nicht zu seiner Aktentasche gehen, in der ganz unten das flache,kleine Gerät verborgen war, das er sein Diensthandy nannte. Nichtnachsehen, ob eine SMS eingegangen war. Ob sie sich gemeldethatte. Er hätte das feine «Klingklong», das die Ankunft einer neuenNachricht vermeldete, ohnehin durch die dicksten Mauern hindurchsofort gehört.Was erwartete er auch? Die Mitteilung, dass sie gut dort angekommenwar? Oder einen Hilferuf? Besser nicht.Er seufzte tief auf. Es war richtig gewesen. Es hatte keine andereLösung gegeben. Er würde nie wieder von ihr hören. Er hatte es sogewollt. Und er würde sich daran gewöhnen.

Weder der Titel noch die ersten Zeilen geben einen verlässlichen Hinweis darauf, wo sich das Geschehen zuträgt, und das ist eine zulässige, weil Spannung erzeugende Form, Rätsel aufzugeben. Irene Stratenwerth führt ihre Leserschaft an einen Badestrand ihrer Heimatstadt Hamburg. Aber es geht weder beschaulich noch hanseatisch vornehm zu. Die Anwältin Kristina Wolland steht in ihrem zweiten Fall vor der Leiche einer Freundin. Die hatte sie noch am Vorabend getroffen, verängstigt wirkend, aber nicht reden wollend. Tags darauf meldet ein junger Mann das plötzliche Verschwinden seiner Verlobten: Die junge Alina aus der Ukraine, wohnhaft zuletzt bei Angie, glaubte verfolgt zu werden.Welche Verbindung bestand zwischen den beiden so ungleichen Frauen? Was versetzte sie in Angst und Schrecken? Kristina Wolland ist fest entschlossen, es herauszufinden, nicht nur im wilden Osten ihrer Stadt.

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