Buchtipp der Woche (1)

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Jan-Frederik Bandel/Barbara Kalender/Jörg Schröder: Immer radikal – niemals konsequent. Der MÄRZ Verlag. Philo Fine Arts; 25 Euro.

Manchmal hat man beim Lesen den Eindruck, das Buch sei allein um des schnellen Geldes Willen auf den Markt gekommen – etwa dann, wenn sich vermeintliche Sensationen als Luftnummern entpuppen oder gerade mal Zwanzigjährige Dreitagsfliegen im Showgeschäft ihre Lebenserinnerungen publizieren.

Dergleichen kann man Jörg Schröder beileibe nicht nachsagen. 18 Jahre lang betrieb er den MÄRZ Verlag – jenes unangepasste Haus, das provokante Titel veröffentlichte, deren Cover mit großer Schrift auf gelbem Grund schon optisch im Bücherregal hervorstachen. Nicht nur optisch, denn mancher Titel rief die Ordnungshüter auf den Plan, die schon mal eine komplette Auflage beschlagnahmten.

Es fing schon gut an: Mit Rolf-Dieter Brinkmann, den er als Autor fürs eigene Unterfangen partout haben wollte, stritt er sich schon im Vorfeld der Verlagsgründung heftig. Damit eröffnet der heute 73-jährige Verleger seine Erinnerungen. Brinkmann blieb dann auch nicht allzulange Hausautor bei MÄRZ.

Aber auch sonst blieb dem Verlag kaum eine Zerreißprobe erspart. Die Reise etwa, nach dem Selbstmord des 32-jährigen Autors Bernward Vesper posthum veröffentlicht, sorgte für hohe Wellen in der Öffentlichkeit. Kein Wunder, kam es doch mit dem signifikanten gelben Umschlag als MÄRZ-Titel 1977 auf den Markt, auf dem Höhepunkt der (verständlichen!) Erregung über den RAF-Terrorismus.

Rolf-Dieter Brinkmann starb 1975 mit nur 35 Jahren bei einem Verkehrsunfall, seine Bücher sind heute allenfalls Geheimtipps. Bernward Vespers nachgelassener Roman gilt heute als wichtiges Zeugnis seiner Zeit. So unterschiedlich (und so wenig vorhersehbar) sind die Karrieren von Büchern. Jörg Schröder jedenfalls blieb immer Verleger mit Herz und Herzblut, bis es 1987 nicht mehr ging. Da wurde der MÄRZ Verlag liquidiert – unter anderem hatten zwei Herzinfarkte den damals knapp Fünfzigjährigen zum Aufgeben gezwungen.

Schnee von gestern oder bloß Geschichte ist der kleine, unbequeme Verlag dennoch nicht. Seit kurzem werden die spektakulärsten seiner Titel wiederveröffentlicht, Stück für Stück, von einem Wetzlarer Verlag, der nicht minder ehrgeizig zu sein scheint als Schröder und seine Mitstreiter(innen), allen voran Barbara Kalender.

Vor allem aber lesen sich Schröders Erinnerungen ungemein spannend, weil er kein Blatt vor den Mund nimmt, einen ungemein anschaulichen Stil pflegt und eine gute Portion Distanz zur eigenen Person pflegt. Letzteres ein besonders angenehmer Zug in einer Branche, die manchmal wie ein einziger Jahrmarkt der Eitelkeiten wirkt.

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