Volvo: Geburtsstunde der “Amazonen”

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„Besser hässlich als zu schön“ sollte die neue schwedische Mittelklasse nach Ansicht von Volvo-Präsident Assar Gabrielsson sein, als ihm die ersten Entwürfe zur Volvo Serie 120/Amazon präsentiert wurden. Der legendäre Designer Jan Wilsgaard hatte für die Limousine Formen entwickelt, die für Gabrielsson anfangs „zuviel von einem Pin-up“ hatten. Dabei war es doch gerade die Mission des attraktiv gezeichneten Amazon wie einst das kämpferische Frauenvolk der Antike neue Länder zu erobern. Vor allem Amerika sollte im Sturm genommen werden und Ausgangslager für einen weltweiten Feldzug der Amazonen sein.

Dafür setzte Volvo auf eine so noch nie da gewesene Strategie. Neben den klassischen Absatzinstrumenten sollte der gezielte Vertrieb über Diplomaten, Soldaten und Touristen der Marke zu weltweiter Bekanntheit verhelfen. Ein globales Erfolgskonzept, für das der vor genau 55 Jahren präsentierte Volvo Amazon einen Cocktail aus idealen Zutaten mixte: Zeitlos schöne Formen als repräsentativer Viertürer in damals aktueller Zweifarblackierung, sportlicher Schick und Rallyetriumphe als sparsamer Zweitürer, Variabilität und Eleganz als einer der ersten europäischen Familienkombis, ein Interieur im Format der damaligen Mercedes S-Klasse bei nur 4,45 Meter Außenlänge, dazu legendäre Langlebigkeit und wegweisende Sicherheitsinnovationen. Anderthalb Jahrzehnte zeichnete der elegante Amazon das Bild der fast unzerstörbaren Schwedenlimousine, ein fast endlos scheinender Zeitraum in einer Epoche, die sonst von modischer Schnelllebigkeit bei Modellwechseln bestimmt war.

Damit setzte der Amazon eine Volvo-Tradition fort, die von seinem Vorgänger, der „Buckel“-Baureihe PV 444, begründet worden war und die in Kombination mit einer überaus robusten Bauweise damals außergewöhnlich war. Als die nationale schwedische Fahrzeugüberwachung 1965 in einer Untersuchung ermittelte, dass Volvo-Modelle mit einem Durchschnittsalter von 13,3 Jahren die höchste Lebenserwartung aller geprüften Typen erzielten, sorgte sie für weltweite Schlagzeilen. Lag doch das durchschnittliche Fahrzeugbestandsalter in den meisten anderen Ländern nur noch bei vier bis acht Jahren – es mangelte in jenen Jahren vor allem am Korrosionsschutz der Karosserien.

Entwickelt wurde der Typ P120/Amazon anfänglich als Nachfolger des bereits 1944 präsentierten PV 444. Schnell wurde aber deutlich, dass der P120/Amazon trotz gleichen Radstands optisch größer und eleganter ausfallen musste, um auch in exklusiveren Fahrzeugklassen und vor allem in Amerika bestehen zu können. Zum Einsatz eines von Publikum und Presse erwarteten V8-Motors wie im gerade präsentierten Prototypen Philip oder eines Sechszylinderaggregats kam es zwar nicht, dafür setzte der elegante Viertürer mit zuverlässigen Vierzylindern, starker Statur, mächtiger Front mit geteiltem Kühlergrill im Stil des schnellen Luxusliners Chrysler 300 C, zart angedeuteten Heckflossen, massiven Türen und neuartiger Sicherheitsarchitektur weltweit Zeichen.

Als erster Schwede wurde der Amazon in über 70 Länder exportiert und sogar in neuen Werken in Belgien, Südafrika und Nordamerika montiert. Außergewöhnlich war auch die Karriere der „schnellen schwedischen Schönheit“ (so ein früher Webeslogan) bei Polizeibehörden rund um den Globus. Nachdem die schwedischen Ordnungshüter im Kampf gegen Verkehrssünder seit 1958 auf die warnende Wirkung des rallyeerprobten Amazon Sport mit damals aufsehenerregender zweifarbiger Polizei-Lackierung setzten, bestellten sogar viele Polizeibehörden außereuropäischer Staaten wie Peru, Chile oder Nigeria spurtstarke Amazonen. Die sportlichen Talente der Familienfahrzeuge stellte auch Formel-1-Weltmeister und Le-Mans-Sieger Mike Hawthorne in einem weltweit verbreiteten Testbericht über den P122 S heraus. In seiner Klasse sei der solide Volvo eine Sensation befand der Rennfahrer, schnell wie eine Rakete und mit einem Beschleunigungsvermögen, das es schwer mache, zu Atem zu kommen.

Tatsächlich maß sich der viertürige Amazon auf den meisten Märkten mit der damals neuen sportiven Mittelklasse von Borgward Isabella, MG Magnette oder später der „Neuen Klasse“ von BMW. Aber auch gegen Mercedes 190/200, Peugeot 404 oder Citroën DS konnte er sich durchsetzen, nicht zuletzt durch die solide Konstruktion und Sicherheitsinnovationen wie die weltweit ersten serienmäßigen Dreipunktsicherheitsgurte vorne und Befestigungspunkte für Zweipunkt-Sicherheitsgurte hinten. Passend zum offiziellen Deutschlandstart der schwedischen Marke feierte 1958 der 63 kW/85 PS starke Amazon Sport auf dem Genfer Salon Premiere. Ihren verführerischen Namen durften die Amazonen hierzulande allerdings nicht tragen. Zweiradhersteller Kreidler hatte sich den Namen „Amazone“ bereits für ein Moped schützen lassen. So blieb es offiziell bei den nüchternen Typkürzeln 121 (Einvergaser) und 122 (Zweivergaser) für die zwei- und viertürigen Limousinen und 220 für die Kombiversion.

Eingeführt wurde der Zweitürer erst im Oktober 1961, zeitgleich mit der ersten gründlichen Modellpflege für die schwedischen Bestseller. Während der Viertürer jetzt seine markante, aber modische zweifarbige Lackierung einbüßte, sorgte unter der Haube der P120/Amazon-Familie das nur geringfügig leistungsgedrosselte B18-Triebwerk aus dem neuen Sportcoupé P1800 für Furore. Noch mehr Aufsehen erregte jedoch im Februar 1962 der P220/Amazon Combi, ein dynamischer Vorreiter heutiger Familien- und Freizeitkombis. Mit dem Combi war die Palette komplett, auch wenn Designerstücke wie das vom belgischen Karossier Jacques Coune 1963 auf dem Brüsseler Salon präsentierte Amazon Cabrio immer wieder Anlass zu Spekulationen über neue Karosserieversionen gaben. Stets blieb es jedoch bei Kleinserien oder limitierten Auflagen. Dies galt sogar für den im August 1966 vorgestellten Amazon/123 GT mit potentem 76 kW/103 PS-Kraftwerk. Mit dem auf rund 1.500 Einheiten limitierten sportlichen Leistungsträger feierte die Amazon-Reihe ihren Karrierehöhepunkt. Noch seltener und von Liebhabern entsprechend begehrt ist der Volvo 123 GT in zu jener Zeit besonders exklusiver metallic-blauer Lackierung, offiziell wurden nur 50 Einheiten in dieser Spezifikation ausgeliefert.

Bei internationalen Rallyes zählten die zähen und schnellen Schweden Mitte der 1960er Jahre zum engsten Kreis der Titelfavoriten, in der schwedischen Zulassungsstatistik besaß der Amazon ein Abonnement auf die Pole Position, in Amerika und auf anderen internationalen Märkten lagen die P120/220-Modelle in der Importrangliste der Mittelklasse auf vorderen Positionen. Keine Überraschung also, dass auch der ein millionste Volvo 1966 in Form eines Amazon vom Band lief. Zusätzlichen Schub erhielt die Baureihe durch die 1965 erfolgte Produktionseinstellung für den PV 544. Nach dem Wegfall des preiswerteren „Buckel-Volvo“ wurde zunächst der zweitürige P121/Amazon Favorit mit frugaler Ausstattung eingeführt – als Farben gab es ähnlich wie beim Ford T-Modell nur schwarz oder weiß. Ein Erfolg wurde der Spar-Amazon jedoch nicht.

Vielleicht waren dies aber auch erste Anzeichen dafür, dass die umfangreiche Amazon-Baureihe ihren Zenith überschritten hatte. Immerhin stellte auch die 1966 eingeführte Volvo-140-Serie mit noch innovativerer Sicherheitstechnik einen logischen Nachfolger. Volvo dementierte dies zwar konsequent, aber trotz ihres Ikonenstatus fuhren die Amazonen unaufhaltsam dem Sonnenuntergang entgegen. 1967 belegte der Amazon in den Verkaufscharts auf dem Heimatmarkt noch einmal Platz eins vor dem Volvo 140 und in den USA verkaufte Volvo 33.189 Einheiten, was einem Zuwachs von 32 Prozent gegenüber dem Vorjahr entsprach. Zum Jahresende rollte allerdings bereits der letzte viertürige Amazon aus dem Werk Torslanda, das erst vier Jahre zuvor eröffnet worden war, um die rasch wachsende Amazon-Nachfrage befriedigen zu können.

Im August 1968 waren Kombi und Zweitürer noch mit dem auf 2,0-Liter-Hubraum vergrößertem B20-Motor und einem Abgasreinigungssystem lieferbar, aber schon das im selben Jahr eingeführte neue Kombimodell 145 entzog dem betagten Amazon trotz praktischer zweiteiliger Heckklappe die wirtschaftliche Existenzgrundlage. So überraschte es kaum jemanden, als im August 1969 das Ende für den familienfreundlichen Amazon kam und der Zweitürer zu Beginn des neuen Jahrzehnts seinen Abschied gab. Das letzte Exemplar mit der Produktionsnummer 667.323 fuhr am 3. Juli 1970 direkt vom Band ins Museum. Anschließend starteten die Amazonen, die zuerst Amerika eroberten und Volvo zu weltweiten Erfolgen führten, in ihre neue, scheinbar ewige Karriere als alltagstaugliche und unverwüstliche Klassiker.

Text: Spot Press Services/Wolfram Nickel
Fotos: Autodrom Archiv/SPS, Volvo

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