Erste Erfahrungen: Lancia Delta

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Was macht ein Autohändler, dessen Stammhaus über Jahre hinweg kein neues Auto vorgestellt hat? Ein Autobauer, der eigentlich große Modelle mit wohl klingenden Namen aufweisen kann, im Prinzip aber jahrelang von der Bildfläche verschwunden war. Für Autohäuser, in denen die kleine aber feine italienische Edelmarke Lancia feilgeboten wurde, dreht sich am Wochenende die Welt. Denn mit dem neuen Lancia Delta, der der traditionsreichen Marke der Fiat Group wieder aus dem Staub vergangener Zeiten heraus zu neuem Ansehen verhelfen soll, kommt ein Hoffnungsträger auf den Markt, auf den die Freunde exklusiver italienischer Automobilbau-Kunst lange gewartet haben. Heraus gekommen ist dabei ein Fahrzeug, das mit dem, was man einmal unter einem Lancia Delta verstand, nicht mehr viel gemein hat. Was kein Werturteil ist.

Wer sich für den Rallyesport und dessen ganz besondere Hochphase in den achtziger Jahren begeistern kann, der wird immer noch mit einer Mischung aus Bewunderung und Verzücken an Ikonen der Quertreiberei namens Lancia Delta denken. So wie den Delta S4, den Delta HF Turbo, den HF 4WD oder den Integrale, der Anfang der 90er Jahre als Integrale Evoluzione nachgelegt wurde. Diese Fahrzeuge waren eckige und kantige, zweckoptimierte Rennmaschinen, denen ihr Enkel des Jahres 2008 in seiner zwar hübschen aber dennoch recht weichgespülten Fassung in keiner Weise ähnelt. (siehe dazu Bild links).

Doch ein Remake des Rallye-Klassikers konnte und sollte nicht in eine Ära der Emissions-Diskussionen und der Preiswucherei an der Zapfsäule platziert werden. Also schuf das Haus Lancia ein Fahrzeug, das in seiner Gesamtheit Stil und Eleganz bei alltagtauglichen und wirtschaftlichen Attributen verkörpert und gleichzeitig die Sünden der Vergangenheit irgendwie vergessen lässt. Der neue Delta ist zwar das erste neue Modell aus dem Hause Lancia seit vier Jahren, aber er soll nicht das letzte bleiben. Oben und unten ist schließlich in den Segmenten noch viel Platz. Doch der Delta ist das Zugpferd, auf das in den nächsten Jahren weitere Modellreihen möglichst erfolgreich aufspringen sollen. Und schließlich hätte für ein Fahrzeug, das an den einstmals so spektakulär auf Schotter und Asphalt dahin brausenden Großvater erinnert, auch nicht der smarte Richard Gere als Werbe-Ikone verpflichtet werden können. Genau der aber soll jetzt via Bildschirm – gemeinsam mit tibetanischen Kindern – die Botschaft rüber bringen, die da heißt. Der Delta macht den Unterschied.

Eine Aussage trifft der neue Delta schon zielsicher, bevor man überhaupt einen Blick in sein Innenleben geworfen hat. Da steht ein stimmiges Auto, ohne Stilbruch in der Summe seiner gestalterischen Extravaganzen. Dass aufgrund der nahen Wahlverwandtschaft zum Fiat Bravo die Entwicklung des Delta nur ganze 15 Monate gedauert hat, gereicht dem Ergebnis der vorzüglichen Blechkleid-Schneiderei nicht zum Nachteil. Eine windschlüpfrige Form mit futuristischer Schnauze, dahinter eine Mischung aus Coupé, Limousine oder Sports Tourer. Es scheint, als wolle die Fiat-Tochter in dem Fahrzeug alle Geschmäcker dieser Auto-Welt nicht nur vereinen, sondern sie auch als solvente Kundschaft gewinnen.

Mit 4,52 Meter ragt der Lancia Delta der Moderne ein gutes Stück über den Namensgeber der Golfklasse (4,20 Meter) heraus. Doch der Neuling gehört nicht nur wegen seiner 1,80 Meter Breite, seiner 1,50 Meter Höhe und des Radstandes von 2,70 Meter wohl eher in die Mittelklasse. Im Innenraum des Delta sorgt ein optional erhältliches Panoramadach aus Glas für ein lichtes Ambiente. Eine in Längsrichtung geteilt verschiebbare Fondbank mit neigungsverstellbaren Rückenlehnen ermöglicht einen Gepäckraum zwischen 380 und 465 Liter Größe. Bei umgeklappten Lehnen kommen maximal 760 Liter dabei heraus.

Zur Markteinführung stehen drei Motoren zur Verfügung, bei denen es aber nicht lange bleiben wird. Zunächst mit im Spiel um die Gunst der Käufer sind zwei Turbojet-Benziner mit 1,4 Liter Hubraum und einer Leistung von 120 beziehungsweise 150 PS. Die Dieselfraktion deckt ein 1,6-Liter-Aggregat mit 120 PS ab. Alle Triebwerke sind serienmäßig mit einem Sechsgang-Schaltgetriebe kombiniert, je nach Variante auch einer Sechsstufen-Automatik. Bei unseren ersten Ausfahrten mit dem neuen Delta machte das Fahrzeug einen sehr komfortablen, geräuscharmen und niveauvollen Eindruck auf uns. Bereits der kleine Ottomotor wirkte zügig und überzeugte durch kraftvolles Drehmoment. Bis zum Februar 2009 sollen drei weitere Antriebe folgen: ein 2.0-Liter Diesel mit 165 PS und ein zweifach aufgeladener Selbstzünder mit 190 PS. Der 1.8 Di Turbojet mit 200 PS und Direkteinspritzung stellt die Spitzenmotorisierung bei den Benzinern dar.

Mit 19.900 Euro wurde die Basisversion mit dem 1,4 Liter großen, 120 PS starken T-Jet Ottomotor werbewirksam unter der Grenze von 20.000 Euro platziert. Doch wer seinem Kaufrausch innerhalb der drei Ausstattungsversionen Argento (Silber), Oro (gold) und Platino (Platin) frei Hand lassen möchte, der kann gut und gerne noch einmal 50 Prozent drauf packen. Bereits zum Argento gehören sechs Airbags, das Absolut-Handling-System, eine manuelle Klimaanlage und ein CD-Radio mit Lenkradtasten. Der Oro bietet zusätzlich 16-Zoll-Leichtmetallräder, Alcantara-Sitze und verchromte Zierleisten an den Seitenfenstern. Die Topversion beinhaltet ein Panoramadach, 17-Zoll-Räder, eine Zweifarblackierung und eine Zweizonen-Klimaanlage.

Alles wohlfeile Ausstattungsdetails, die den potenziellen Kunden sicherlich viel Spaß bereiten werden. Den Besitzern früherer Delta-Generationen aber hätten sie bestenfalls die Zornesröte ins Gesicht getrieben. Warum? Weil die Summe ihres Gewichtes jeder Bestzeit im Wege gestanden hätte. Eigentlich schade!

Text: Jürgen C. Braun / Fotos: Jürgen C. Braun / Hersteller

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