Test-Tour: Hyundai H1-Travel

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Familien-Van mit Einschränkungen: Auf der Suche nach einem familientauglichen Alltagsauto mit Stauraum und flexibler Innenausstattung bleibt der Blick nicht zuletzt beim Hyundai H1 Travel hängen. Rein optisch bietet der Wagen auch alles, was für eine Reise mit Kind und Kegel oder für Freizeitaktivisten nötig ist. Auf den zweiten Blick allerdings offenbaren sich Schwächen, die schnell erkennen lassen, dass es für den gewünschten Zweck bessere Gefährten gibt.

Zunächst etwas Positives: Der Hyundai H1 Travel ist ein gutes Auto, das im Wesentlichen mit Optik und Verarbeitung überzeugt. Auch die Technik, zumindest in der von uns getesteten Version des 2,5 CRDi mit 125kW/170PS, genügt den Ansprüchen moderner Fahrer. Leistungsstark und verbrauchsarm lässt sich der bullige Van in jedem Tempo bewegen. Von „linker Spur Vollgas“ bis zur voll besetzten Sightseeing-Tour erlaubt der Motor einfach alles, ohne einem dabei die Haare vom Kopf zu fressen. Erfreulich auch die Qualität: Passgenau, mit gleichbleibenden Spaltmaßen schmiegen sich die Baugruppen aneinander. Hochwertige Materialien, die ordentlich verarbeitet sind, lassen das Herz der Optik- und Haptik-Fans höher schlagen.

Im Detail: Nimmt man auf dem Fahrersitz Platz, bietet sich ein toller Überblick. Alle Ecken und Kanten, zumindest vorne, sind gut einsehbar, die Fahrzeuglänge dank Einparkhilfe gut abzuschätzen. Alle Instrumente und Bedienelemente sind so positioniert, dass sich der Fahrer weder anstrengen noch verrenken muss, um seine Arbeit hinterm Lenkrad sicher und gewissenhaft auszuführen. Auch die Ablagemöglichkeiten sind einfach erreichbar und bieten in Größe, Form und Anzahl reichlich Stauraum für Utensilien, die Fahrer und Beifahrer gerne bei sich haben. Der Einstieg läuft dank weit aufschwingender Türen recht geschmeidig, auch wenn man kleine Kletterkünste an den Tag legen muss. Ganz anders im hinteren Teil des Fahrgastraumes: Eine abgesenkte Trittmöglichkeit erleichtert den Einstieg erheblich. Und in Verbindung mit den beidseitig weit zu öffnenden Schiebetüren sowie entsprechenden Haltegriffen kommt man leicht und einfach in den hinteren Teil des Großraumwagens. Ist der Einstieg geschafft, finden bis zu sechs Personen bequem und ausreichend Platz. Sicherheitsgurte sind selbstverständlich für jeden Sitzplatz vorhanden. Selbst mit den montierten Sitzbänken stehen noch 851 Liter Laderaumvolumen zur Verfügung. Grundsätzlich ist das recht viel, besonders im Vergleich zum Wettbewerb, der bei voller Bestuhlung bis zu 100 Liter weniger bietet. Das Manko des Hyundai H1 Travel, der einen hervorragenden ersten Eindruck hinterlässt, offenbart sich beim Transport langer oder sperriger Güter: Ein Transport ohne technisches Geschick des Fahrers ist nahezu unmöglich. Wir haben es am eigenen Leib erfahren.

Ohne Werkzeug kein Transporter: Unser Versuch, ein Rennrad aufrecht stehend ohne Demontage des Vorderrades zu transportieren, schlug mehr als fehl. Auch wenn die Innenraumhöhe mehr als ausreichend ist – in Sachen variabler Länge ist der H1 eher ein Zwerg denn ein Riese. Zwar lässt sich die erste Sitzreihe auf den im Boden eingelassenen Schienen bequem in der Vertikalen verschieben, die zweite Bank ist jedoch mit mehreren Schrauben fest mit dem Chassis verbunden. Erst mit einer „Knarre“, landläufig auch „Ratsche“ genannt und einem kräftigen Helfer lässt sich der Laderaum erweitern. Mit dem Werkzeug entfernt man die Schrauben – mit dem Helfer die Rückbank aus dem Auto. Das Bauteil ist derart schwer, dass es wirklich kein Vergnügen ist, die Bank aus dem Wagen zu hieven. Dann gilt es noch die erste Rückbank soweit als möglich nach vorne zu schieben und schon steht dem Fahrradtransport nichts mehr im Wege. Gleichzeitig jedoch reduziert sich die Anzahl der Sitzplätze von ehemals acht schlagartig auf nur noch zwei. Das Maximalvolum erhöht sich damit aber gewaltig: Vier Rennräder, Gepäck von vier Rennradfahrern und Verpflegung für ein 24h-Radrennen finden dann im Hyundai H1 Travel Platz. Die Rennfahrer jedoch müssen in einem separaten Fahrzeug Platz suchen. Flexibilität, wie man sie von einem Fahrzeug dieser Kategorie erwartet, sieht aber anders aus. Wir haben Modelle getestet, deren zweite Sitzreihe aus Einzelsitzen besteht, die im Handumdrehen de- und montiert sind. Obendrein ist dabei keine helfende Hand nötig: Das Gewicht der einzelnen Sitze ist so gering, dass sie bequem alleine zu tragen sind. Nach der Sitzdemontage beim Huyndai H1 Travel sind unbedingt die Befestigungsschrauben wieder einzudrehen. Warum? Weil man durch die Gewindehülsen bis auf den Asphalt schauen kann, Regenwasser kann damit ungehindert ins Wageninnere dringen. Was dem Travel ebenfalls fehlt und damit seinen Namen wirklich zu unrecht führt, sind Details im Kofferabteil. Haken und Ösen zum Anbringen von Gepäcknetzen, zur Fixierung von Zurrgurten und Spannbänder sucht man vergeblich. Reisen wird damit nicht vereinfacht, sondern erschwert. Wir haben die Spannbänder zum Verzurren der Rennräder durch Gurtösen gefädelt – eine nervenaufreibende Arbeit, die Engelsgeduld voraussetzt und am Ende nichts Halbes und nichts Ganzes darstellt. Ein weiteres Manko, das zumindest ist immer wieder in einschlägigen „Van-Foren“ im Internet zu lesen, scheint die Form der Schiebetüren zu sein. Wie es dort heißt, ragen die Türen an der Oberkante soweit in das Dach hinein, dass offenbar kein Dachgepäckträger montiert werden kann. Auch das schränkt die optische Flexibilität ein.

Eine Wucht: Der Motor. Er zeigt sich völlig unberührt von den Unzulänglichkeiten der Innenraumflexibilität. Lässt man den 170 Pferden ungezügelten Lauf, klettert die Tachonadel konstant und ohne Zwischenstopp in Richtung der 200er Marke. Allerdings ist kurz vorm Erreichen der magischen Grenze, nämlich bei 180 km/h, Schluss mit dem Vortrieb. Das reicht aber auch allemal, man darf nicht vergessen, dass der Hyundai H1 Travel knapp über 1,90 Meter hoch, 5,12 Meter lang und gut 2,3 Tonnen schwer ist. Mit diesen Maßen bietet Seitenwind eine unglaublich große Angriffsfläche. Das Diesel-Gestüt verlangt zumindest in der Stadt nach ausreichender Verpflegung: 11,2 Liter wollen die Pferde haben, bei Überlandfahrten reduziert sich der Durst auf 7,3 Liter, was in der Summe 8,8 Liter Durchschnittsverbrauch ergibt. So zumindest die Angaben des Herstellers. Wir konnten, zumindest bei der Fahrt über die Autobahn, die Verbrauchsangaben nicht bestätigen und lagen immer weit über dem verhältnismäßig geringen Verbrauch. In Verbindung mit den sechs manuellen Fahrstufen bietet der Motor ein verhältnismäßig hohes Spaßpotential, was nicht zuletzt dem guten Fahrwerk geschuldet ist. Das ist zwar straff, aber keinesfalls unkomfortabel. Fahrbahnunebenheiten, egal ob quer oder längs zur Fahrbahn, schluckt das Federn-Dämpfer-Paket ohne Murren, ohne es an den Innenraum weiter zu geben. Auch die Bremsen des H1 überzeugen. Sie sind den Anforderungen in jeder Lage gewachsen, auch dann, wenn das zulässige Gesamtgewicht von knapp mehr als drei Tonnen ausgeschöpft wird.

Fazit: Was könnte er, wenn er könnte ….. kann er aber nicht! Der unflexible Innenraum macht den guten Gesamteindruck schnell zunichte. Selbst Motor, Bremsen, Getriebe, Verarbeitung und Innenraum, alles kann mit jedem Konkurrenzprodukt Schritt halten, können das Flexibilitätsmanko nicht ausbügeln. Wenn Hyundai dieses Manko ausmerzen kann, haben sie ein Fahrzeug, das viele Wettbewerber in die Flucht schlägt. Bleibt zu hoffen, dass die Verantwortlichen das ähnlich sehen.

Text: Redaktionsbüro Meuren/Uwe Meuren
Fotos: Hyundai, Meuren

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