Buchtipp der Woche (1)

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Michael Cunningham: In die Nacht hinein. Bertelsmann Taschenbuch Verlag (btb); 9,95 Euro.

Missy ist die Abkürzung für Mißgeschick. Dass der junge Mann mit richtigem Namen Earl heißt, haben Rebecca und Peter fast vergessen. Denn Missy, Rebeccas junger Bruder, tut seinem Spitznamen alle Ehre an. Er nimmt Drogen und ansonsten das Leben von der leichten Seite. Auf die Frage, was mal aus ihm werden soll, beruflich und auch sonst, hat er noch keine Antwort gefunden. Wahrscheinlich hat er auch noch nie eine gesucht. Und nun soll der Chaot also bei seiner älteren Schwester und deren Ehemann unterkommen.

Und damit gerät das Leben von Rebecca und Peter nach 20 Jahren Ehe kurzfristig arg durcheinander. Ein Leben, das streckenweise vielleicht langweilig, aber in sicheren (auch finanziellen) Bahnen verlief. Gut möglich, dass sich die zwei ein wenig frischen Wind gewünscht haben, aber doch nicht gleich so einen Orkan.

Michael Cunningham schont seine Figuren nicht. Ganze Passagen lesen sich so, wie man Filmsequenzen in rasanter Folge ansieht, und damit zeigt er Menschen offen, wie sie nun mal sind. Ein leicht spöttischer, aber mitfühlender Unterton ist oft dabei. Und was den Roman richtig exotisch macht: Es geht um das Ausleuchten von Gefühlswirren, nicht um Seitensprünge oder Affären. Wer eine leichte Unterhaltung im Sinne von Der bewegte Mann als Film sucht, wird mit In die Nacht hinein seine Schwierigkeiten haben. Wen eine gewisse Sperrigkeit nicht stört (oder sogar reizt), kann dieses Buch mit Gewinn lesen.

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