Test-Tour: Chevrolet Corvette C6-GS

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Als Dompteur des Nicht-Alltäglichen unterwegs: Flach wie eine Flunder, breit wie ein Ufo, stark wie ein Bär… Nur Klischees? Was kann das sein? Dazu ganz in unschuldigem Weiß, auf Füßen stehend, die einem Mammut oder der Formel 1 entlehnt sein könnten.

Die US-amerikanische Sportwagen-Legende Corvette aus dem Hause Chevrolet kann da eigentlich nur gemeint sein. Richtig. Sie steht nicht vor mir, sie kauert, wartet darauf, berührt, geentert und gestartet zu werden. Respekt ergreift den Chronisten vor dieser Fahrmaschine, die schon äußerlich eine gewisse Kompromisslosigkeit signalisiert. Der lange und breite Vorbau, unter dem sich der klassische V8 mit 6,2 Litern Hubraum eingenistet hat, weist schon die Flächenabmessungen einer ruralen Diskothek auf. Ähnliches Bild vom Heck her. Der Test-Proband heißt offiziell Chevrolet Corvette MY 2012 C6 Grand Sport. In der zivilen Ausgabe liegt die C6 als Cabrio und als Coupé mit herausnehmbarem Dachteil an. Wir hatten das Coupé.

Auf leichten Druck in den Türmulden öffnen sich scheunenbreite Portale. Die hadestiefe Sitzposition lässt den Chronisten ob seines leicht fortgeschrittenen Alters anfangs erschauern. Doch geht es ratzfatz und du sitzt im bequemem Gestühl, findest das gesamte Instrumentarium am exakt richtigen Platz. Keyless Go also: Schlüssel in der Mittelkonsole abgelegt, Bremse und Kupplungspedal mit Elefantendruck niedergetreten, dann Startknopf betätigt. Der Anlasser, der die Kraft eines Kleinwagenmotors generiert, wirft die 8 Kolben an, die unverzüglich ihre leise Arbeit aufnehmen. Kein Fauchen, kein Brüllen, kein Bellen. Das linke Bein bekommt fortan richtig Arbeit, da die Kupplungsfedern ziemlich stringenten Widerstand bieten. Bei der Motorleistung allerdings verständlich, nehmen doch 437 Pferde nebst einem Drehmoment von 575 Newtonmetern ihre Arbeit auf.

Innerorts werden die Gänge 1-3 schön der Reihe nach in trockener Manier eingerastet. 50-60 km/h trödelt man folglich bei 1.300 Kurbelwellenrotationen dahin. Alles irgendwie völlig cool und unspektakulär. Kein plärriges 6-Zylinder-Getöse wie bei vielen anderen Sportwagen, nix.
Landstraßenfahrt. Bergauf im Mittelgebirge. Du rufst einen marginalen Teil der offerierten Leistung ab. Wagst dich über 2.000 Touren, da beginnt der Schub nämlich, aber bei 100 KM ist gesetzlich eben Sense. Auch unspektakulär. Biegst ab auf den Highway. Mittagszeit. Die Trucks laden auf oder ab, fehlen gänzlich. Und die anderen machen Mittag. Beschleunigungsstreifen, du trittst das rechte Pedal ein wenig beherzter durch. Die Corvette katapultiert dich derart vehement nach vorne, dass du die nächsten Gänge 3-6 flotter durchzappen musst. Ab 3.000 Touren beginnt die Corvette zu brüllen. Da herrscht derart viel Leistung, dass der Tacho sich zügig über die 200 dann auf die 300 km/h-Strichelung hin bewegt. Bei gemessenen 285 Sachen muss das Gaspedal zurück genommen werden, da 500 Meter weiter andere Autos mit 200 dahin bummeln. Neue Dimensionen für dich, Erfahrungen, die frühere Erlebnisse im Motorsport wieder lebendig werden lassen. Die Vette ist eine Fahrmaschine, die den ganzen Kerl in dir verlangt, einen, der selbst Sport treibt, der fit ist, der alle Sinne wach und auf der Reihe hat. Die eng liegenden 6 Gänge, kurz, knackig und von vollendeter Präzision, der mondfährenartige Schub. Was begeistert mehr an dieser C6? Ja, man kann sie mit 10-11 Litern Super Plus fahren, wirklich! Dann wieder an der Ampel. Rechts schiebt sich eine nachtschwarze ZR-1 Corvette daneben. Die leistungsmäßige Edelschwester der C6. Der Pilot hebt freundlich die linke Hand zum dezenten Gruß: Geschwister im Sinne von Louis Chevrolet. Ein wenig Stolz kommt auf. Die Ampel trennt uns und der Andere konnte ja nicht wissen, dass ich 5 Minuten später die C6 wieder zurückgeben muss. Leider.

Text und Bilder: Frank Nüssel/CineMot