Buchtipp der Woche

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Tommy Krappweis: Das Vorzelt zur Hölle. Wie ich die Familienurlaube meiner Kindheit überlebte. Knaur Taschenbuch Verlag; 8,99 Euro.

Wenn Sie zu denen gehören, für die Campingurlaube Abenteuer und Urwüchsigkeit darstellen, wird Tommy Krappweis Ihnen wechselnd ein Kopfschütteln oder ein mitleidiges Lächeln entlocken. Wer sich also im Winter lieber mit Schnee als unter fließendem Wasser reinigt oder im Sommer brüllende Hitze genau so stoisch erträgt wie prasselnden Regen angesichts eines löchrigen Zelts und in solchen Erlebnissen die eigentliche Würze im Urlaub erkennt, wird für die Schilderungen des Autors kaum das rechte Verständnis aufbringen. Dann sind Sie aber, pardon, schon nicht mehr ganz jung. Denn: Was Tommy Krappweis, Jahrgang 1972, brüllend komisch beschreibt, war in den siebziger Jahren der Urlaubs-Modetrend schlechthin, und nur Hartgesottene werden sich die Vorliebe für derlei bewahrt haben:

Jeden Sommer brachen wir mit dem VW-Bus auf von München, Neuperlach in Richtung Süden, ins Jugoskorsikalawienland oder irgendwo anders hin, wo es düstere Felsen, düsteres Meer und düstere Ortschaften mit düsteren Menschen gab. Was es dort nicht gab, war so etwas wie ein Klo oder eine Dusche. Denn meine Eltern waren nicht einfach nur Camper. Nein, sie waren überzeugte Wildcamper. Riesenspinnen auf dem Rücksitz, Schlangen in der Trinkwasserzisterne, gigantische Müllberge und sinkende Schlauchboote – es war alles dabei, was Camping in den 70ern so außergewöhnlich machte. Zumindest wenn man mit meinen Eltern unterwegs war.

Es waren auch die Zeiten, in denen die Frau des Hauses, sofern sie zugleich Haushaltsvorstand war, keinen Wert auf Ausruhen legte, sondern die mehr oder minder komfortable Küche zu Hause gegen eine nur minder vorhandene Kochgelegenheit eintauschen musste. Zeiten, in denen im Nachbarzelt – so man nicht wild campte – schon mal wild gefeiert wurde, und wer selbst etwas mehr Ruhe brauchte, musste auf die Ruhe verzichten. Und wenn man Glück hatte, wurde man zum Mitfeiern eingeladen. Was nur dann einen Gewinn bedeutete, wenn einem die Nachbarschaft sympathisch war.

Tommy Krappweis karikiert, spitzt zu, übertreibt und macht sich lustig. Im Kern allerdings beschreibt er, was den Modetrend des Campens vor Jahrzehnten betrifft, die Wahrheit und nichts als die Wahrheit. Wer nicht so hartgesotten und abenteuerlustig ist wie Krappweis' Eltern, wird nach der Lektüre die Vorzüge eines Hotelzimmers, einer heißen Dusche (oder auch die eines modernen Wohnmobils anno 2012!) umso mehr schätzen. Trotzdem ist ihm ein aktuelles Werk gelungen: Woran er sich mit Grausen (und zum Vergnügen des Lesers sowie gegen die Einsprüche des Vaters) erinnert, erlebt man heute in ähnlicher Form via TV. Das nennt sich dann Dschungelcamp.

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