Jürgen C. Braun: Mein Tagebuch der Tour de France (2)

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Liebe Leserin, lieber Leser,

sicherlich haben Sie auch schon einmal die Erfahrung gemacht, dass ein Begriff oder ein bestimmtes Wort völlig irreführend war oder schlicht und einfach den Namen nicht verdiente. So erging es uns beiden am heutigen Montag. Den ersten Tag der neuen Woche verbrachten wir in der südlichen Auvergne. Er nannte sich Ruhetag, weil an diesem Tag keine Etappe gefahren wird und deswegen die Profis mal ihre Ruhe haben. Zumindest vor dem Zeitplan und den körperlichen Anstrengungen, die mit einer solchen Tortur verbunden sind.

Für uns aber war dieser Begriff eigentlich eine bloße Zumutung. Nachdem wir am Sonntag abend gegen 21.30 Uhr vom 120 Kilometer entfernten Etappenziel im Hotel in Clermont-Ferrand angekommen waren, und mit Ach und Krach noch eine (lau)warme Mahlzeit bekommen hatten, hieß es am „Ruhetag“ um 7.15 Uhr aufstehen. Unser „Doppelzimmer“ zeichnet sich rein größentechnisch durch die Ausmaße einer Telefonzelle aus. Davon nimmt das von der optischen Wahrnehmung her aus der prä-napoleonischen Ära stammende Bad mit ca. zwei Quadratmetern einen bedeutenden Anteil ein.

Um die Synergie-Effektive des frühen Morgens kollegial nutzen zu können, fallen das Duschen meines Kollegen und die ökologisch sinnvolle Bereitstellung von Düngemitteln durch die Endprodukte der menschlichen Nahrungskette meinerseits schon einmal in den gleichen Zeitraum. Was wiederum einem eigenartig strengen Charme der sinnlichen Wahrnehmung zugute kommt. Oder einfacher gesagt: Mitunter stinkt es uns schon gewaltig, bevor wir überhaupt mit der Arbeit begonnen haben.

Die führte uns dann ab 8.15 Uhr erst einmal 110 Kilometer über Autobahn und Landstraße nach Saint-Flour zum Teamhotel von Leopard-Trek, dessen obligatorische Ruhetags-Pressekonferenz um 10 Uhr morgens begann. Nachdem wir das etwas abseits gelegene Relais endlich gefunden, uns abgehetzt hatten, um rechtzeitig da zu sein, begann das Frage-und-Antwortspiel zwischen Fahrern und ca. 80 Journalisten mit zwanzigminütiger Verspätung. Natürlich hatten wir einen Platz erwischt, an dem sich im Laufe der Pressekonferenz auch die Sonne nachdrücklich breit machte. Eingekeilt zwischen den Kollegen aus aller Welt war also erst einmal Schwitzen bei Backofen-Temperaturen angesagt.

Da die Organisatoren das Pressezentrum aus unerfindlichen Gründen für den Ruhetag in die Eislaufhalle einer 40 Kilometer entfernten Gemeinde verlegt hatten, waren wir dann doch schon gegen 13 Uhr vor Ort, um bei etwa 10 Grad Plus in der zum „Salle de Presse“ umfunktionierten Eislaufhalle frierend und schlotternd unsere Arbeit auf zu nehmen.

Um 15 Uhr hieß es in Morat, einem glücklicherweise nur zehn Kilometer entfernten kleinen Ort, pünktlich beim Pressetermin von Alberto Contador vorzufahren. Dort hatten sich in einem schnuckeligen kleinen Hotel in einer etwas größeren „Kammer“ 120 bis 150 Kollegen mit Fernsehkameras, Ton-Ingenieuren, und Fotografen eingefunden. Bei jetzt wiederum 33 Grad, wie draußen angeschlagen stand. In dieser nach Schweiß dampfenden Sardinenbüchse hieß es dann noch etwa 30 Minuten ausharren, bis „el rei“ Contador endlich eintraf. Eine Stunde später, im eigenen Saft langsam vor uns hin garend, waren wir dann erlöst.

Aber der Text musste ja noch geschrieben werden. Das Pressezentrum war mittlerweile für uns wegen der Kühlhaus-Temperaturen kein Thema mehr. Also nix wie auf die Autobahn, die 130 Kilometer nach Hause ins Hotel düsen. Dann von dort aktuell schreiben, übermitteln, Bilder runterladen, bearbeiten, versenden.

Und jetzt, liebe Leserinnen und Leser, wissen Sie, was ich jetzt gerade mache? Jetzt beende ich 14 Stunden nach dem Aufstehen dieses Tagebuch. Jetzt fängt nämlich unser „Ruhetag“ an.

Ich hasse dieses Wort.

Text und Fotos: Jürgen C. Braun

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