Buchtipp der Woche (1)

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Konstantin Richter: Kafka war jung und er brauchte das Geld. Mit Coverbild und Illustrationen von Peter Gut. Kein und Aber Verlag; 14,90 Euro.

Einen Crashkurs für alle, die keine Ahnung haben und trotzdem ins Tischgespräch eingreifen wollen nennt der Verlag selbst im Pressetext dieses Büchlein. Das darf, mit Verlaub, als gewaltige Untertreibung durchgehen.

Man mag ja mit Fug und Recht heuer Bildungsnotstände beklagen und fehlendes Allgemeinwissen insbesondere bei Schülern und Auszubildenden beklagen – aber war früher – sagen wir mal: vor 30 Jahren – wirklich alles besser, gesitteter und mit mehr Kultur durchsetzt? Eher werden Generationen von Schulabsolventen diese Erfahrung bestätigen: Da standen Werke der Literatur und der klassischen Musik auf dem Lehrplan, man quälte sich so durch, und die eher dröge als inspirierende Lehrperson da vorne konnte einem auch nicht so recht klar machen, warum es nun gut und sinnvoll war, diesen oder jenen Text zu interpretieren oder ein musikalisches Werk zu ertragen, pardon, zu genießen. Ach ja, und der Lehrer für Bildende Kunst ließ einen pinseln und klecksen und gab dann auf das Ergebnis eine Note, deren Nachvollziehbarkeit sich dem Kunstschaffenden nicht so recht erschloss. Aber manchmal waren doch ein paar Lichtgestalten unter den Beflissenen, die das beherrschten, was in der Lehrerausbildung als Kunst der Motivation abgehandelt wird.

Hier setzt Konstantin Richter an. Haben Sie – zum Beispiel – mal über einem Werk von Shakespeare schwitzen müssen, ohne so was wie ein Fan zu werden? Richter erklärt in wenigen – nachvollziehbaren! – Worten, worum es dem Mann ging: Ein Theaterschaffender unter hohem Produktionsdruck im von Seuchen und anderen Katatstrophen geprägten London, der einem interessierten und nach Unterhaltung durstenden Publikum Stoffe bot – Liebe, Intrige, Macht etwa – die bis heute Gültigkeit haben. Und schon erschließt sich uns ein Verständnis von Kunst, das uns nachträglich mit der ein oder anderen der erwähnten drögen Lehrpersonen versöhnt.

Oder Franz Kafka, dessen Vor dem Gesetz bis heute gerne als pädagogisches Musterinstrument genommen wird, um die Schmerzgrenze von Schülern und germanistischen Erstsemestern auszutesten. Bei Konstantin Richter erschließt sich das Werk des nur 40 Jahre alt gewordenen Juristen auf eine eigenwillige Weise, die dem Literaturwissenschaftler das Nackenhaar stellen mag, den Leser aber den Weg ebnet, sich mit Kafkas Schrifttum mal selbsttätig zu befassen. Und schon haben wir erreicht, was der ein oder andere Hochschullehrer gerne hätte.

Zwei Beispiele von vielen, denen eines gemeinsam ist: Nach der Lektüre sollte man vielleicht nicht unbedingt in das nächste (pseudo)kultivierte Tischgespräch eingreifen, sondern erst mal die frisch erworbene Versöhnung mit allem genießen, was einem aus der Schulzeit eher vergällt war. Imageträchtig verwenden kann man's später ja immer noch.

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