Wozu brauche ich einen Gott?

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Auch wenn man es noch so konsequent versucht: Der Adventszeit bis hin zu Weihnachten kann man sich nicht komplett entziehen, sie allenfalls innerlich belächeln oder ablehnen. Bei solch abgeklärten Zeitgenossen stellt sich freilich auch die Frage, wie viele enttäuschende Erfahrungenmit der Kirche als Institution des Glaubens (zu dem auch die Weihnachtsbräuche zählen) zu einer solchen Abwehr geführt haben. Dieser Abwehr widmet Fiona Lorenz ein Buch: Wozu brauhe ich einen Gott? fragt sie und verrät im Unteritel genauer, worum es ihr gent – um Gespräche mit Abtrünnigen und Ungläubigen.

Und die lassen keinen Zweifel daran, wie ihre enttäuschenden Erfahrungen aussahen: Ich habe mehr persönliche Freiheit, da ich mich nicht mehr vor einem imaginären Wesen für mein Handeln verantworten muss, sagt etwa ein 19-jähriger Abiturient. Und wenn er von dem Zugewinn an Freizeit spricht, nun, da er keine Gottesdienste mehr besucht und der Dauerberieselung mit typischen Aussprüchen von Gläubigen entkommen ist, dann ahnt man, wie die angesprochene christliche Erziehung ausgesehen hat, obwohl der 19-Jährige sie nicht im Detail schildert. Das allerdings tut ein 30-Jähriger, der seinen Namen nicht genannt haben will: Der Pfarrer diktierte den Kommunionskindern eine umfängliche Liste potentieller Sünden, für die anschließend Buße zu tun sei. Dazu zählten die Verschwendung des Taschengeldes und das Versäumen der Sonntagsmesse. Wenn vermutlich alles außer der kompletten Abgabe des Taschengeldes im Klingelbeutel als Verschwendung anzusehen war und nach Auffassung dieses Pfarrers jeder nicht-geistliche Mensch unausweichlich ein Sünder zu sein habe, dann verwundert die heftige Schlußfolgerung des Befragten nicht: Religion ist überflüssig wie ein Kropf. Weniger emotional begründet der Kinderbuchautor Max Kruse seine Abkehr vom Glauben: Um ein menschliches Miteinander zu ermöglichen, brauche man keinen Gott, befindet er: Wir müssen miteinander liebevoll umgehen. Wir brauchen keinen Gott, der uns gebietet, andere Menschen zu töten, und uns durch ewige Freuden im Paradiese zu belohnen verspricht.

Da ist er wieder – dieser Gott, der viele Pflichten gebietet und nahezu sämtliche Freuden verbietet. Und so haben sich die Abtrünnigen, die hier befragt wurden, mehrheitlich eher von der irdischen Interpretation der Glaubensfragen als vom Glauben selbst abgewendet. Und dass sie trotzdem eine Sehnsucht in sich tragen, verrät allein das Extrakapitel Woran glaubt, wer nicht glaubt. Und dessen Antworten fallen eher unbefriedigend aus: Humanismus, Ehtik, Schönheit, Liebe, Familie – solche Werte schließen einen Glauben nicht aus.

Papst Benedkt XVI. hat einmal sinngemäß gesagt, dass – unabhängig von der Frage, ob es einen Gott gibt oder nicht – der Gläubige ein besseres Leben im Sinne einer besseren Lebensqualität hat. Vom Verständnis einer finster donnernden Instanz, die den a priori sündigen Menschen ihre Lebensfreude verbietet, ist in einer solchen Aussage nichts zu spüren. Entsprechend scheint durch die hier gesammelten Interviews doch immer wieder unterschwellig die Aussage durch: Wenn ich an einen guten Gott glauben könnte, so würde ich das gerne tun und wüsste gerne, wie ich diesen Glauben zurückgewinnen kann. Übrigens: Als Ralf König, der die Zeichnungen zum Buch von Fiona Lorenz beigesteuert hat, in der FAZ den Comic Prototyp als Fortsetzung veröffentlichte, führte dies zu Abo-Kündigungen von Lesern, die ihr Abonnement nicht mit einer solch vermeintlich blasphemischen Darstellung vereinbar hielten. Hätten sie den Comic richtig gelesen und verstanden, wäre klar geworden, dass dieser Comic vieles sein mag, aber sicher nicht blasphemisch. Und auch in seinem Textbeitrag für Lorenz' Buch zeigt sich Ralf König einmal mehr als feinsinniger Autor, dessen Atheismus weit weniger in einer Gottesfrage als in einer problematischen religiösen Schulerziehung begründet liegen mag.

Fiona Lorenz: Wozu brauche ich einen Gott? Gespräche mit Ungläubigen und Abtrünnigen. Mit Ilustrationen von Ralf König. Rowohlt Taschenbuch Verlag; 8,95 Euro.

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