Volkswagen Scirocco 1974 und 2008: Zwei Wüstenwinde im Vergleich

Foto 1
Foto 2
Foto 3
Foto 4

Willy Brandt trat wegen der Spionageaffäre um seinen persönlichen Referenten Günter Guillaume zurück, Helmut Schmidt wurde danach zum Bundeskanzler gewählt. Deutschland besiegte die Niederlande im WM-Finale mit 2:1. Die erste Energiekrise sorgte neben aller Freude über den Weltmeistertitel für Frust an der Tankstelle und machte auch das Heizen teuer. VW stellte den Scirocco vor. Das war 1974.

Helmut Schmidt verfolgt das gesellschaftliche Tagesgeschehen, die deutsche Fußball-Nationalmannschaft wird Vize-Europameister. Die Kraftstoffpreise sind ein Dauerthema, weil hoch – mit steigender Tendenz. Das ist 2008. Eine weitere Gemeinsamkeit der beiden Jahre ist, dass VW jeweils einen Sportwagen unter dem Namen Scirocco vorstellt.

Damals wie heute war/ist das viersitzige Coupé ein Derivat vom jeweils aktuellen Golf-Modell. Wie der Scirocco von 1974 Designelemente der ersten Golf-Generation vorwegnahm, gibt auch der Neue Ausblicke auf den nächsten Golf. Wenn auch nicht so mutig gezeichnet wie die Studie Iroc geht die Linienführung und vor allen Dingen die Frontansicht weg vom braven Auftreten des Megasellers. Der Scirocco schaut fast schon ein wenig böse aus den großen Scheinwerfern. Der zwischen den Leuchten gespannte schwarze Quersteg und die wabenförmige Frontschürze á la Peugeot unterstreichen den grimmigen Eindruck. In der Seitenansicht des 4,26 m langen Fahrzeugs fällt besonders die C-Säule auf, das Heck wird durch das schmale Dach einerseits und dem breiten Hintern andererseits geprägt.

Gestaltet sich die Außenhaut durchaus noch innovativ, gibt das Interieur auf engem Raum einen Überblick über Schalter, Knöpfe, Drehzahlmesser, Sitzgelegenheiten und Polsterkombinationen aus dem reichhaltigen Angebot des VW Konzerns. Die Recyclingquote ist hier überdurchschnittlich. Gerade mal durchschnittlich sind dagegen die Platzverhältnisse: Sitzen die Frontpassagiere noch entspannt – dass beim Schalten schon einmal das Knie der Beifahrerin leicht berührt werden kann, war schon beim Ursprungs-Scirocco nicht immer ungewollt – stellen die Plätze drei und vier doch eher schicke Ablagen fürs Gepäck dar als Sitzmöglichkeiten für längere Fahrten. Das eigentlich vorgesehene Abteil dazu fasst zwischen 292 und 755 Litern, hinderlich ist aber eine hohe Ladekante. Hinderlich ist auch die begrenzte Sicht nach hinten.

Zwischen 1974 und 1992 verkaufte sich der Wüstenwind aus deutscher Produktion über zwei Generationen rund 800.000 Mal. Über solche Zahlen würden sich die heutigen Verantwortlichen auch freuen. Befinden sich doch die Absatzzahlen von kompakten Coupés im freien Fall. Um das Fahrzeug von Anfang an einen guten Start zu ermöglichen, gibt VW neben dem Aussehen noch zwei weitere Argumente mit auf den Weg: leistungsstarke Motoren und zumindest für Wolfsburger Verhältnisse ein ausgesprochen gutes Preis-Leistungsverhältnis. Basisaggregat ist der 1,4-Liter Turbo mit 90 kW/122 PS (Spitze: 200 km/h, Verbrauch: 6,1 Liter, CO2-Ausstoß: 144 g/km, ab 21.750 Euro). Eine stärkere und mit einem Kompressor versehene Variante dieses Motors bringt es auf 118 kW/160 PS (Spitze: 218 km/h, Verbrauch: 6,5 Liter: CO2-Ausstoß: 154 g/km, ab 23.300 Euro). Dieser Motor wird wohl in Deutschland das Gros der Bestellungen auf sich vereinen. Und er macht seine Sache mehr als ordentlich. Bei ersten Testfahrten konnte er sein souveränes Leistungspotential ausschöpfen. Der Bordcomputer zeigte Verbrauchswerte von knapp über der Norm an. Bringt das Triebwerk bereits Spaß mit ins Spiel, sorgt die aus dem Golf GTI bekannte 2,0-Liter TSI-Topmotorisierung mit 147 kW/200 PS dafür, dass böses Aussehen und bissige Beschleunigungswerte Hand in Hand gehen. Der Spurt von 0 auf 100 km/h gelingt in 7,2 Sekunden, bei 235 km/h ist die Höchstgeschwindigkeit erreicht. Dank eines sportlichen aber nicht zu hart abgestimmten Fahrwerks – der Golf lässt grüßen – liegt das Fahrzeug satt auf der Straße und macht immer brav das, was er soll. Der Verbrauch mit 7,7 Liter (CO2-Ausstoß: 182 g/km) geht in Ordnung. Ab 25.500 Euro ist der schnelle Scirocco zu haben. Fast genauso soviel (ab 25.350 Euro) steht der zurzeit einzige – nicht eben langsame und sparsame – Selbstzünder mit 103 kW/140 PS in der Preisliste (Spitze: 207 km/h, Verbrauch: 5,4 Liter, CO2-Ausstoß: 143 g/km).

Im Grundpreis inbegriffen ist eine umfangreiche Komfortausstattung wie Klimaanlage, Leichtmetallräder, elektrische Helfer für Fenster und Spiegel und Sportsitze. Natürlich bietet aber auch VW Möglichkeiten zur Individualisierung, wie beispielsweise ein, je nach Motorisierung, Sechs- oder Siebengang-Doppelkupplungsgetriebe, sowie die adaptive Fahrwerksregelung DCC oder aber auch ein transparentes Panoramadach. Ende August wird es sich zeigen, ob der Scirocco als laues Lüftchen oder seinem Namen alle Ehren machend durch die Zulassungszahlen weht.

Text: Elfriede Munsch

Scroll to Top