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Bernhard Vogel/Hans-Jochen Vogel: Deutschland aus der VOGEL-PERSPEKTIVE. Eine kleine Geschichte der Bundesrepublik.
Herder Verlag; 19,90 Euro.

Etwa 80 Prozent der Deutschen sind nach 1945 geboren worden. Rund die Hälfte der Deutschen sind nach 1965 geboren worden. Die Anfänge der Bundesrepublik Deutschland kennen sie entweder als frühe Kindheitserinnerungen, aus der Literatur oder aus Erzählungen von Zeitzeugen. Es droht in gewisser Weise die Geschichtslosigkeit, also fehlendes echtes Wissen um wichtige historische Ereignisse.

Vor diesem Hintergrund haben Bernhard und Hans-Jochen Vogel ihre persönliche Geschichte der Bundesrepublik Deutschland verfasst. Die Brüder, heute 74 und 81 Jahre alt, waren Berufspolitiker. Sie haben die Entwicklung der Bundesrepublik nicht nur von Anfang an erlebt und sie maßgeblich mit gestaltet. Dabei gehörten sie verschiedenen Parteien an. Hans-Jochen Vogel war als SPD-Politiker unter anderem Regierender Bürgermeister von Berlin und Bundesminister der Justiz. Bernhard Vogel wurde vor allem bekannt als Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz und Thüringen.

Die Entscheidung für die Politik fiel vor dem Hintergrund klarer, christlicher Wertvorstellungen. Hans-Jochen und Bernhard Vogel schildern die Ereignisse im Buch jeweils aus ihrer Sicht, wobei viel Verbindendes deutlich wird. Wenn sich Ereignisse in ähnlicher Form wiederholen, kann man von Erfahrungen der Vergangenheit profitieren. So sehen die Brüder die Euro-Umstellung fünf Jahre nach der Einführung als weitgehend akzeptiert und bewältigt an. Viel spektakulärer empfanden sie die Währungsreform von 1948:

Ich erinnere mich noch gut daran, wie wir in einer langen Schlange vor einem Schalter nach dem neuen Geld anstanden und schließlich die neuen Scheine mit einer Mischung aus Freude, Hoffnung, aber auch gelinden Zweifeln in den Händen hielten. Vor allem die Aufhebung der Preisbindung stieß auf erhebliche Bedenken, weil angesichts der noch immer vermuteten Knappheit des Angebots starke Preissteigerungen befürchtet wurden. Aber es ging gut – jedenfalls im Endergebnis.

Die Brüder Vogel erleben das Wirtschaftswunder der Bundesrepublik mit, empfinden die erste große Koalition mit Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger als überaus positiv. Sie erleben die Studentenunruhen von 1968, schließlich den Amtsantritt von Willy Brandt als Bundeskanzler. Helmut Schmidt führt dessen Arbeit fort. Seine Regierung wird 1977 mit dem so genannten Deutschen Herbst mit einer Krise ungeheuren Ausmaßes konfrontiert. Die Brüder beurteilen diese Krise einheitlich: Ein Staat dürfe nicht erpressbar sein, müsse aber verhandlungsbereit bleiben. In der Deutung der Schleyer-Entführung und aller weiteren Ereignisse zeigt sich insbesondere die Wertorientierung der Brüder – auch in dem Eingeständnis, dass manchmal tragische Geschehnisse durch Politiker bei allem Bemühen nicht zu verhindern seien.

Ein weiteres historisches Ereignis hätten Bernhard und Hans-Jochen Vogel kaum für möglich gehalten. Im Rückblick scheint es ihnen jedoch nicht zu überraschend. Wenn die deutsch-deutsche Wiedervereinigung zur Sprache kommt, spricht Bernhard Vogel insbesondere auch den 17. Juni 1953 an. Die Wiedervereinigung ist für ihn die logische Fortsetzung eines hier erstmals demonstrierten unbedingten Freiheitswillens von Menschen.

Für Bernhard Vogel schließlich hat die Wiedervereinigung ganz besondere Konsequenzen: Seine Berufung nach Thüringen empfand er nach eigener Aussage 1992 überwiegend als Überraschung und Verpflichtung. Daraus wurde eine Kür, denn das zweite Ministerpräsidentenamt seiner Laufbahn hat Bernhard Vogel viel Freude bereitet. Allein 600 Kilometer ist er nach eigener Aussage durch Thüringen gewandert.

Das Buch der Brüder ist sehr anschaulich und konkret geschrieben. Auch wenn es zum großen Teil von Schwierigkeiten handelt, die zu bewältigen waren, ist das Fazit eindeutig: Bei aller Vorsicht Optimismus und Zuversicht bewahren. Ins Gelingen verliebt sein statt ins Scheitern.

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