Zankapfel Standort!
Mit Vollgas ins Abseits?

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Jahrelang wurde in der Autonation Deutschland mit Erfolg verhindert, dassin einem Land, das eine Rallye-Ikone wie den zweifachen Weltmeister WalterRöhrl heraus gebracht hat, ein Lauf zur Rallye-Weltmeisterschaft ausgetragenwurde. Die beiden nationalen Verbände Allgemeiner Deutscher Automobilclub(ADAC) und Automobilclub von Deutschland (AvD) arbeiteten über Jahre undJahrzehnte hinweg mit ihren eigenen Projekten, der Deutschland- und derHunsrück-Rallye mehr gegen- als miteinander, und die Exoten wie Portugal,Zypern oder San Remo durften sich statt dessen freudig die Hände reiben unddiese auch noch aufhalten, wenn die Stars der Szene sie heimsuchten. Und mitihnen Hunderttausende von zahlungskräftigen und auch zahlungswilligen Fansim Schlepptau. Erst Ende der 90er Jahre kam es zwischen den beidenfeindlichen Brüdern zu einem Agreement, das schließlich vor zwei Jahren imersten deutschen WM-Lauf endete. Rund um Deutschlands älteste Stadt Trier,den Truppenübungsplatz Baumholder und das saarländische FerienparadiesBostalsee zogen die weltbesten Quertreiber ihre Bahnen auf staubigenAsphaltpisten und rückten damit eine ganze Region weltweit in denBlickpunkt. So wie an diesem Wochenende, als wieder weit mehr als 200.000Fans den dritten Sieg in Folge des französischen Citroën-WerkspilotenSébastien Loeb verfolgten.

Auf internationaler Ebene hat sich dieses Event, das Jahr für Jahr in vierTagen etwa 20 Millionen Euro in die Wein- und Weck-Zentrale inDeutschlands Südwesten spült, längst etabliert. Nicht zuletzt dank der mitdeutscher Gründlichkeit vorbereiteten Veranstaltung. Wir habeninternational Maßstäbe gesetzt, was Sicherheit und Zuschauer-Leitsystemangeht, sagt Rallyeleiter Armin Kohl, ein pensionierter Polizei-Offizierund ADAC-Funktionär nicht ohne Stolz. Nun sollte man meinen, dassangesichts dieser Entwicklung alles eitel Sonnenschein rund um die neueRallye-Metropole sei, doch es mehren sich die Anzeichen, dass es irgendwo imGetriebe heftig knirscht, und das beileibe nicht in den 300 PS starkenteilnehmenden World Rallye Cars, sondern wieder einmal in der so oftzitieren Autonation Deutschland.

In der Rallye-Weltmeisterschaft ist es üblich, dass sich Regionen, dievon dieser Veranstaltung profitieren, sich auch finanziell – entweder alsCo-Sponsor oder mit touristischen Sonderangeboten – engagieren. So wiedas beispielsweise bei der türkischen Touristen-Metropole Antalya oder demwalisischen Fremdenverkehrsverband der Fall ist. Auf die Region Trier/Baumholder/nördliches Saarland oder gar das Land Rheinland-Pfalz trifftdies aber offenbar nicht zu. Oder zumindest nicht ausreichend. Denkt jedenfallsder veranstaltende ADAC. Und deswegen kursieren seit einigen Tagen dauerhafteGerüchte, wonach man im Osten der Republik, dort wo einmal blühendeLandschaften entstehen sollten, heftig um den deutschen WM-Lauf und dendamit verbundenen Geldsegen, buhlt. In einer lapidaren Pressemitteilungschreibt der ADAC, dass es sehr verwunderlich sei, dass trotz massiverWirtschaftsförderung die öffentliche Hand so gut wie verschlossen sei undman sich statt des Start- und Ziel-Areals rund um die altehrwürdige TriererPorta Nigra auch den Dresdener Zwinger vorstellen könnte. Es gibt dortLeute in verantwortlichen Positionen, die den Wert einer solchenVeranstaltung richtig einzuordnen wissen.

In der Mainzer Staatskanzlei ist man aufgrund solcher Misstöne hellhöriggeworden. Regierungssprecher Walter Schumacher beeilte sich jedenfalls, zuversichern, dass wir darüber sehr überrascht sind und wir dieRallye-Weltmeisterschaft auf jeden Fall im Land halten wollen. Wir sindjederzeit für Gespräche mit dem ADAC offen. Vielleicht ist aber auch allesnur ein initiiertes Trommeln, um endlich öffentliche Gelder fließen zusehen. Doch egal, wie es sei, dem WM-Standort Deutschland stehen derleiKompetenzgerangel und öffentliche Balztänze nicht gut zu Gesicht. Es wäreim Sinne einer weiteren Konsolidierung der Veranstaltung in Deutschlandjedenfalls wünschenswert, hier schnellstens für klare Verhältnisse und nichtfür starre Fronten zu sorgen. Denn im Gegensatz zur Formel 1, die kaum nochvon einem normal verdienenden Menschen zu bezahlen ist, boomt derVolkssport Rallye. Und das registrieren auch andere, weitaus ärmereNationen als der Autostandort Deutschland. Anderenfalls geht's ganz schnellmit Vollgas ins Abseits.

Text: Jürgen C. Braun

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