Cadillac: 120 Jahre „American Dream“ auf Rädern

Heute werden Cadillac in nur noch 33 Ländern der Erde verkauft, vielleicht ein Viertel der Absatzmärkte europäischer oder asiatischer Premiummarken. Trotzdem begeistern sich jährlich immer noch rund 400.000, vorzugsweise amerikanische und chinesische Käufer für den opulenten Glamour und die technologische Genialität der Luxuskarossen aus Detroit – Cadillac ist übrigens nach dem französischen Gründer dieser ersten US-Automobilkapitale benannt. In Detroit ging Cadillac im Jahr 1902 aus den Überresten eines durch Autopionier Henry Ford gegründeten – und rasch gescheiterten Unternehmens hervor. Statt diese Henry Ford Company damals einfach in Insolvenz gehen zu lassen, überzeugte ein umtriebiger Ingenieur namens Henry M. Leland zwei Investoren von den Perspektiven eines Neustarts unter Cadillac-Label. Tatsächlich gelang es Leland, die Marke Cadillac mit technisch revolutionären Modellen schnell im Club der Premiummarken zu verankern: Von den Cadillac Typen A bis T wurden in fünf Jahren fast 14.000 Einheiten verkauft.

Als Cadillac 1909 in den General-Motors-Konzern (GM) integriert wurde, hatte die Marke bereits Benchmarks bei der Produktqualität von Serienfahrzeugen gesetzt, dazu zählte auch das erste Aftersales-Programm mit nach Qualitätsnormen gefertigten Ersatzteilen. „Standard of the World”, lautete das neue Cadillac-Markencredo, untermauert durch globale Meilensteine wie den elektrischen Anlasser und elektrische Fahrzeugbeleuchtung (1912) oder den ersten V8 in Volumenfertigung (1915 beim Cadillac Type 51). Technologisch war Cadillac nun mindestens auf Augenhöhe mit Mercedes, Rolls-Royce und anderen europäischen Premiummarken – diesen in den Stückzahlen aber weit voraus. Cadillac parken seit Präsident Woodrow Wilson (1913) vor dem Weißen Haus, ab den 1920 vertrauen VIP ebenso wie das FBI oder legendäre Gangster á la Al Capone auf die mächtigen V8, 12- und 16-Zylinder, die natürlich auch in Hollywoodstreifen auf automobile Hauptrollen abonniert waren.

In einem imaginären Concours der Stars & Cars würde Cadillac wahrscheinlich bis heute die Parade anführen, mit vielen hundert prominenten Namen von Marlene Dietrich über Gary Cooper, Frank Sinatra, Marylin Monroe, Jacqueline Kennedy,Johnny Cash, Jimi Hendrix bis hin zu Sharon Stone und Placido Domingo. Daran änderten auch zeitweilige, extraordinäre US-Konkurrenten wie Auburn, Cord oder Duesenberg nichts, nur der 1917 in Detroit gegründeten und seit 1922 zu Ford gehörenden Marke Lincoln gelingen bis heute gelegentliche Achtungserfolge gegen Cadillac. Kaum bekannt ist übrigens, dass auch Lincoln seine Entstehung dem Cadillac-Gründer Henry M. Leland verdankt. Leland hatte seine Anteile an Cadillac zwar schon 1909 an GM veräußert, durfte aber noch bis 1917 als Manager aktiv bleiben. Dann gelang ihm der vermeintliche Coup, einen Rüstungsbetrieb namens Lincoln zu gründen. Nach Ende des Ersten Weltkriegs transformierte Leland die Marke Lincoln zum Premium-Autobauer und attackierte Cadillac. Das war der Anfang vom Ende, Lincoln ging 1922 in die Insolvenz und Henry Ford übernahm die Reste. Trotzdem: Fords Traum eines Triumphs über Cadillac und damit die Tilgung der 1902 erlittenen Schmach erfüllte sich nie. Immerhin darf Lincoln ebenfalls Autos an amerikanische Präsidenten liefern.

Flops leistete sich übrigens auch Cadillac. Immer dann, wenn die Eroberung neuer Märkte durch Badge-Engineering-Modelle im Mini-Format versucht wurde, verschmähten die Kunden die Entwürfe der sonst so mutigen – weltweit ältesten – Designabteilung eines Autobauers. Die Galerie des Scheiterns umfasst das Saab-9-3-Derivat Cadillac BLS (von 2005), Opel-Klone wie Catera von 1997 (alias Omega) und Cimarron von 1982 (alias Ascona bzw. GM J-Car), aber auch das 1989 bei Pininfarina in Turin/Italien produzierte Luxus-Cabriolet Allanté, das dafür durch technologische Finessen wie eine elektronische Traktionskontrolle auffiel. Letztlich reüssierte nicht einmal die 1905 vorgestellte Liliput-Limousine Cadillac Osceola, die 2,08 Meter (!) kurz war, aber mit 2,21 Meter Höhe an einen Wolkenkratzer erinnerte. Immerhin initiierte dieses Concept fünf Jahre später die global erste Großserienproduktion von Limousinen.

Es war der legendäre Designer Harley Earl, der Cadillac ab 1927 als modischen Trendsetter etablierte. In den 1930ern kultivierte Cadillac Stromlinienformen, 1948 folgten die von Flugzeugen adaptierten Heckflossen. Als diese Ära 1959 mit dem Cadillac Eldorado ins Space-Age mündete, maßen die Flossen schon fast einen Meter in der Höhe, vor allem trug nun die ganze Autowelt Flossen, vom Ford Taunus 17 M, über den Fiat 1800 bis zum Mercedes 300 SE, vom Trabant bis zum japanischen Toyota Crown. Auch das in den Swinging Sixties angesagte Trapezdesign erreichte seinen Zenit in Cadillac Modellen wie den Series 62 Sedans oder dem exaltierten Coupé Eldorado mit Frontantrieb und Hubraum-Rekord unter der Haube (8,2-Liter-V8 ab 1970). Nach der ersten Ölkrise zeigte der Cadillac Seville ab 1975 erfolgreich, wie sich Amerikaner eine Mercedes-S-Klasse Made in USA vorstellen, während das elegante Eldorado Convertible bis 1976 durchhielt. Da waren die Verdeckträger der Konkurrenz bereits vorübergehend ausgestorben. Auf den SUV-Hype sprang Cadillac erst auf, als der Lincoln Navigator Flagge zeigte, dafür punktete der Escalade mit früher Hybridisierung. Den Weg in die Dekarbonisierung soll nun zum 120. Markengeburtstag das vollelektrische SUV Lyriq weisen – und dabei zugleich die Tesla-Jünger für die älteste amerikanische Luxus-Marke gewinnen.

 

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