Rudi Adams: Das Wohnzimmer wird zur Rennstrecke

Wenn man sich mit allen nur denkbaren Möglichkeiten auf den um drei Monate verspäteten ersten Einsatz in diesem Jahr auf der Nürburgring-Nordschleife vorbereiten will, dann muss manchmal auch das Wohnzimmer zur Rennstrecke werden. Und man darf sich nicht scheuen, ein rund 40.000 Euro teures Hightech-Gerät zum Training zu nutzen. So wie das Nordschleifen-Profi Rudi Adams aus Nohn in der Eifel gemacht hat. Mit einem Race Simulator, den ihm die Nürburgring eSports Lounge zur Verfügung gestellt hat, bereitete er sich wochenlang zu Hause vor.

Jetzt freut er sich auf das erste Rennen der neuen Nürburgring Langstreckenserie (NLS), das am kommenden Samstag, 27. Juni, um 12 Uhr startet. Zwar noch ohne Zuschauer und unter strengen Auflagen eines Hygiene- und Sicherheitskonzeptes, aber, so sagt er: „Wichtig ist, dass überhaupt wieder gefahren wird“. Sogar mit provisorischer Boxengasse, die im Fahrerlager aufgebaut wird und mit limitierter Anzahl von Helfern für jedes Team.

Rudi Adams, mit Ende 50 der erfahrenste Akteur zwischen Hatzenbach und Galgenkopf, hatte extra für diesen Tag sein Wohnzimmer zur Rennstrecke gemacht. „Ich bin noch fit und schnell. Warum soll ich aufhören?“ Seit rund vier Jahrzehnten hat der Mann im Schatten des Nürburgrings, beruflich Experte eines großen Reifenherstellers, das Rennfieber gepackt. Kein Wunder, wenn man mit dem Rad oder gar als Jogger schneller an der Strecke ist als die meisten Fans, die mit dem Auto anreisen. Ein „ganz heißes Gerät“, so sieht Adams den Race Simulator.

E-Sport boomt. Nicht nur, aber auch im Rennsport. Der Wettbewerb vor und mit den großen Screens ist längst mehr als „nur ein bisschen Playstation“, ist anerkannter professioneller Sport. Viele Bundesliga-Vereine beispielsweise haben ihre eigenen E-Sport-Teams. In der Szene gibt es etliche Profis, die das Hightech-Treiben auf dem Bildschirm und mit den Tastaturen bis zur Perfektion vervollkommnen.  So weit ist Adams noch nicht. Schließlich kann man auf dem Race Simulator jede beliebige weltweite Strecke implantieren und abrufen.

„Als blutiger Anfänger habe ich erst einmal ausschließlich mit der Nürburgring GP Strecke begonnen“, erzählte er uns nach den ersten virtuellen Fahrten. Eine Strecke also, die er quasi „mit verbundenen Augen fährt“, und dennoch: „Ich brauchte unheimlich lange, um konstante Rundenzeiten zu produzieren. Ich kenne in der realen Welt die Strecke aus dem Eff-Eff. Aber im Simulator hilft mir lediglich die gute Kenntnis des Streckenverlaufs. Alles andere, Fahrgefühl, Bodenwellen, Grenzbereich, die Fliehkräfte vom Auto, das ist nicht vorhanden. Es folgten viele Einschläge. Teilweise war ich ganz schön frustriert.“

Doch Adams, ans Duellieren auf der Strecke und somit ans Kämpfen gewöhnt, gab nicht auf. Von der GP-Strecke aus nahm er die Nordschleife in der NLS-Variante in Angriff: „Ich habe unterwegs unheimlich viel Blech verformt. Die ersten Runden hätten mich viel Geld gekostet.“ Aber es lief von Runde zu Runde, von Tag zu Tag besser. „Schließlich war es wie im richtigen Rennen. Ich brauche meine Zeit, um warm zu werden. Aber wenn man mich lässt, dann kommen auch Top-Zeiten dabei heraus.“

Im Kontakt mit anderen Fahrern habe sich herauskristallisiert, „dass man die Rundenzeiten sehr verbessern kann, wenn man am Setup arbeitet. Da ich damit im E-Sport aber zunächst keine Erfahrung hatte, hat es etwas gedauert. Zunächst fehlte mir so ein bisschen die Richtung. Ich musste erst herausfinden, welches Schräubchen ich drehen musste und was das dann bewirkt.“

Adams’ Erkenntnis nach ein paar Wochen Race Simulator: „Man muss von Grund auf neu anfangen, genau so konzentriert sein wie in der realen Welt, sich von Überraschungen nicht blenden lassen. E-Sport ist körperlich und mental sehr anstrengend, aber es ist ein ganz anderer Sport. Für mich jedenfalls eine ganz tolle Erfahrung und die beste Vorbereitung, die ich haben konnte.“

Foto: Jürgen C. Braun

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