ŠKODA: 125 Jahre „Laurin & Klement“

Am Anfang war das Fahrrad: Wie so viele Automobilpioniere verwirklichte ŠKODA den Traum von der Massenmobilität zuerst mit zwei Rädern, vorläufig unter dem Firmenlogo L&K. Dann aber setzte das Auto als solches hier den „Urknall“ zu einer kaum bekannten Erfolgsstory, die technische Geniestreiche und Designikonen hervorbrachte.

ŠKODA, das ist doch diese ambitionierte Tochtermarke des VW-Konzerns, die in Deutschland mit preiswerten Modellen Platzhirschen wie Ford und Opel auf die Pelle rückt. Weniger bekannt ist, dass die Tschechen zu den vier ältesten bis heute existierenden Fahrzeugherstellern zählen und noch stiller wird es sogar in Fachkreisen, wenn es um technische Trends wie frühe Elektromobilität geht, die dieser global erfolgreiche Volumenhersteller mit Wurzeln im böhmischen Jungbunzlau, dem heutigen Mladá Boleslav, seit 1895 erfolgreich initiiert.

Damals, noch in der Österreichisch-Ungarischen Monarchie, hatte sich der Buchhändler Klement zu oft über die Unzuverlässigkeit seines Fahrrades aus deutscher Produktion geärgert und deshalb den Fahrradmechaniker Laurin überzeugt, eine eigene Fahrradfertigung unter dem Namen Laurin & Klement (L&K) einzurichten. Tatsächlich wurden die L&K-Zweiräder des Typs Slavia ein voller Erfolg, ebenso die ab 1899 gebauten Motorräder. Sechs Jahre später präsentierte L&K sein erstes Automobil, eine kleine Voiturette mit 1,0-Liter-Zweizylinder-Motor. Es war der Start zum Aufstieg in die Liga der renommiertesten Automobilbauer – seit 1925 unter ŠKODA-Dach – und zur Nummer eins in Osteuropa durch robuste Alltagshelden, rasante Sportler, ultraluxuriöse Limousinen, kreative Designerstücke und technische Pionierleistungen. Sogar während der Ära des Eisernen Vorhangs wurden bis zu 80 Prozent der ŠKODA-Produktion exportiert – in den Westen!

Begehrenswerte Spezialitäten zu niedrigen Preisen, das ist seit 125 Jahren das Erfolgsrezept des Fahrzeugherstellers ŠKODA bzw. seines Vorgängerunternehmens L&K, an das heute noble Ausstattungslinien etwa bei ŠKODA Superb oder Kodiaq erinnern. Mehr als 60 verschiedene Automodelle aller Klassen präsentierte L&K bis in die 1920er Jahre, die weltweit vertrieben wurden. Darunter schon 1908 ein 4,6-Liter-Vierzylinder, der vom Elektroingenieur Frantisek Krizík zum Hybridfahrzeug aufgerüstet wurde, und als erste Modelle unter ŠKODA-Signet ab 1925 der Typ 110 mit fast konkurrenzlos vielfältigen Karosserieaufbauten. Die Fusion mit dem Maschinenbaukonzern ŠKODA brachte L&K die notwendige Kapitalspritze im Konkurrenzkampf mit den erstarkten einheimischen Marken Tatra und Praga.

ŠKODA war so finanzkräftig, dass 1930 trotz Weltwirtschaftskrise die fortschrittliche Fließbandfertigung eingeführt wurde und der preiswerte ŠKODA Popular wenig später als erstes tschechisches Volksfahrzeug durchstartete. Nun kannten Erfindergeist und Aufbruchstimmung im Fahrzeugprogramm keine Grenzen mehr. Ein in Serie gebauter Transporter mit Elektroantrieb zählte ebenso dazu wie die beliebten Typen Rapid und Favorit, der dynamische Popular Monte Carlo oder das noble Sechszylinder-Flaggschiff Superb. Doch dann tauchten die Schatten des Zweiten Weltkriegs an der Wand auf und damit das Ende weiterer Expansion.

War ŠKODA während des Krieges zwangsweise Teil eines deutschen Rüstungskonzerns, folgten Ende 1945 Verstaatlichung und Vorgaben der Planwirtschaft. Das spiegelte sich auch im neuen Namen AZNP ŠKODA (Automobilwerke Nationalbetrieb), unter dem die aufgefrischten Vorkriegstypen ŠKODA 1101 und 1102 ausgeliefert wurden. Anschluss an die Avantgarde fand ŠKODA mit dem Typ 1200, der sich 1952 im modischen Ponton-Design zeigte. Die perfekte Basis für eine globale Bestsellerkarriere, ŠKODA-Fahren war schick, auch in Deutschland, wo 1959 besonders das elegante Cabriolet Felicia für Furore sorgte, aber auch der Auftritt der Limousine Octavia nicht nur von Knauserigkeit kündete. Ganz im Gegensatz zum Einstiegs-Preis von 3.995 Mark, mit dem ŠKODA 1964 warb und mit dem die Tschechen das Ziel erreichten, die billigste Vierzylinder-Limousine anzubieten.

Als einziger Staatsbetrieb sozialistischer Planwirtschaft beherrschte ŠKODA bis zum Fall des Eisernen Vorhangs im Jahr 1989 die Kunst, einerseits die automobile Grundversorgung zu garantieren, andererseits aber aufregende Typen für Individualisten und Adrenalinjunkies hervorzubringen. Es war ein bunter Mix aus preiswerten Heckmotor-Modellen wie ŠKODA 1000 MB (ab 1964), S 100 bis 120 LS (ab 1969 als erster ŠKODA in Millionenauflage) und noch besser verkauften S 105 bis 130 (ab 1976), aber auch schnellen Sportlern der Typen 110 R bis 130 RS (ab 1970, von Fans als Porsche des Ostens gefeiert), extravaganten Zweitürern 1000 MBX (ab 1966) oder Rapid/Garde (ab 1981) sowie frechen Offroadern (Trekka) und verwegenen Buggies und Concept Cars. Mit diesem Programm reüssierte ŠKODA in Westeuropa derart erfolgreich, dass die Produktionskapazitäten kaum reichten, den Heimatmarkt ausreichend zu versorgen.

Ein politisch angeordnetes Kooperationsprojekt mit der DDR für einen Nachfolger von Wartburg 353 und ŠKODA S 105-130 scheiterte zwar 1979, aber ŠKODA konnte nun Stardesigner Bertone engagieren, der 1987 den Favorit als frontgetriebenen Fünftürer moderner Art in Form brachte. Sogar einen batterieelektrischen Favorit gab es. Als ŠKODA 1990 zum Verkauf stand, interessierten sich deshalb mit BMW, Renault und Volkswagen gleich drei Kandidaten für die Übernahme des Staatsunternehmens. Prag entschied sich zugunsten von Wolfsburg, das ŠKODA 1991 als vierte Marke in den Konzern integrierte und 2014 in die Liga der globalen Giganten mit jährlich weit über einer Million produzierter Autos aufsteigen ließ.

Ein selbst die Fachwelt verblüffendes Kunststück, zu dem strategische Entscheidungen wie Absatzschwerpunkte in China und Indien, vor allem aber natürlich die passenden Modelle beigetragen haben. Erstmals richtig abheben konnte ŠKODA unter VW, als 1994 der Favorit zum Felicia weiterentwickelt wurde und dann zwei Jahre später ein neuer Octavia vorgestellt wurde. Dieses Kompaktklasse-Modell auf Golf-Plattform war Symbol für Aufschwung und Imagewandel der Marke. Weiter ging es mit dem kleinen Fabia (1999), dem Flaggschiff Superb (2000) und einer durch den Yeti 2009 gestarteten SUV-Offensive. Künftig umfasst das ŠKODA-SUV-Programm neben Kodiaq, Karoq und Kamiq auch den rein elektrischen Enyaq. Noch wird er nur getarnt gezeigt, soll aber als Serienmodell die Pionierleistung des hybriden L&K Typ E von 1908 in eine lokal vollkommen emissionsfreie SUV-Zukunft übertragen. Passend zum Jubiläum.

Für den VW-Konzern dürfte ŠKODA so weiterhin ein Garant für Erfolgsmeldungen bleiben – und ein Rivale der Wolfsburger Produkte sowie der spanischen VW-Tochter Seat. Schon mit den beiden gefällig geformten und preiswerten Baureihen Fabia und Octavia verkaufte ŠKODA zu Beginn dieses Jahrtausends mehr Autos als viele Marken mit großem Portfolio. Heute sind es insgesamt neun Modellreihen, die ŠKODA in Deutschland eine dauerhafte Pole Position unter den Importeuren sichern. Ach ja: Fahrräder gibt es auch noch, so wie vor 125 Jahren.

Fotos: ŠKODA

Text: Wolfram Nickel/SP-X

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