CD-Tipp – Faithfull: Negative Capability

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Fast genau 40 Jahre und rund 20 Werke später veröffentlicht sie Negative Capability. Negativ? Natürlich kennt ihre Stimme alle Nuancen von Trauer, Wut, Verzweiflung und was es da noch so an Gefühlen gibt, die einem nicht gut tun, aber natürliche Reaktionen auf bestimmte Erlebnisse sind. Negatives also. Ihre Biographie gibt weiß Gott genug dafür her. Trotzdem: Auch wenn diese Stimme noch rauer zu klingen scheint als früher, zeigt sich die inzwischen 71-jährige Faithfull entspannt wie nie. Wie eine Frau, die schließlich doch noch mit sich ins Reine gekommen ist.

Natürlich sind es immer noch traurige Themen, die sie zum Inhalt wählt – eben Trauer, Verzweiflung, auch die Auseinandersetzung mit dem Tod kommt vor, und indem sie sogar den Terrorismus zum Gegenstand ihres Oeuvres macht, schließt sich der Kreis zum Titelsong von 1979, Broken English. Trotzdem – das alles klingt weniger wütend, eher wie jemand, der akzeptiert hat, dass all das ebenzum Leben gehört. Genau so zeigt sich Marianne Faithfull auch in aktuellen Interviews – dankbar für das, was sie in ihrem Leben weiß, in erster Linie stabile Freundschaften.

Zu den Gastmusikern gehört kein Geringerer als Nick Cave, den man sogar als Gastsänger hört. Neben den neuen Songs gibt es drei Neuaufnahmen bekannter Titel, von denen einer ganz besondere Beachtung verdient: As Tears Go By. Und hört man sich die inzwischen drei Versionen jenes Songs an, der Faithfull einst berühmt machte, ist man fasziniert, wie unterschiedlich ein und dieselbe Person ein und dasselbe Lied (jedenfalls in Noten und Text) interpretieren kann. Freilich liegen zwischen den Aufnahmen Jahrzehnte, und das hört man. Was 1964 naiv klang, hörte sich 1987 abgrundtief traurig (immer noch sehr aktuell!) und hört sich 2018 abgeklärt an. Chapeau!

Marianne Faithfull: Negative Capability. (BMG Rights)