Buchtipp – Michalzik: 1900

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Wie können wir eins sein mit der Natur und zugleich ein erfülltes Mensch-Sein gestalten?

Sehr aktuell sind diese Überlegungen in diesen Tagen. Dazu gehören anno 2018 – natürlich – die alternativen Antriebe, mit Ernährungskonzepten und Speisemoden in gedruckter Form kann man ganze Regale füllen, immer mehr Produkte werden als recyclingfähig oder kompostierbar angeboten. Und was lange Zeit als Außenseitertum galt, wird heute auch zunehmend wissenschaftlich untersucht, dadurch konsensfähig und etabliert.

Aber: Neu sind die eingangs zitierten Überlegungen nicht. Immer wieder gab es Zeiten, da sich die Menschen fragten: Ist unser Weg richtig? Hervorragend zu zeigen ist das an der Zeit um 1900 – so auch der Buchtitel.Vor rund 100 Jahren bestimmten Fragen wie die eingangs gestellten die Vorstellung zweier Generationen. Der einen noch geprägt von der Welt des Fin de siècle, die anderen bereits in die Welt der Großstädte hineingewachsen. Menschen aus unterschiedlichen sozialen Schichten, mit verschiedenen Lebenserfahrungen und Berufen empfanden ein diffuses Unbehagen. Manche von ihnen machten sich auf die Suche und einige versammelten sich auf dem Monte Verità zu einem ungewöhlichen Experiment. Hier in der südlichen Schweiz, nicht weit von Italien entfernt, versuchten sie den Regeln der modernen Gesellschaften zu entkommen. Sie wollten ein gutes Leben führen – heißt: individuell bis individualistisch. Aus knapp zwanzig Jahren der widersprüchlichen Existenz des Monte Verità erwuchs ein Mythos, der bis heute Strahlkraft besitzt.

Wie sie ihren Weg dorthin fanden, was sie dazu bewegte und wie dieses Leben aussah, verfolgt der Autor Peter Michalzik in seinem 414 Seiten umfassenden Buch „1900. Vegetarier, Künstler und Visionäre suchen nach dem neuen Paradies“. Wie in einem Puzzle setzt er Stück für Stück Lebensgeschichten, Träume, Ideen und Illusionen zusammen. Leben, Denken, Handeln von Suchenden, wie Leo Tolstoi, Friedrich Nietzsche, Herrmann Hesse, Max Weber und zahlreichen Initiatoren wie Besuchern des berühmt-berüchtigten Berges spürt er nach.

Irgendwie kommen alle, die zu dieser Zeit Rang und Namen hatten oder entwickelten, zur Sprache. Sicher, manches ist bekannt, manches verästelt. Aber die Art, wie Peter Michalzik diese Geschichte erzählt, ist spannend und berührend zugleich. In verständlichen, klaren Worten nähert er sich komplexen Inhalten wie Körperkult, Psychologie, moderner Tanz, Pazifismus, Wellness und Vegetarismus. Stets nimmt er den einzelnen Menschen in den Blick und verbindet dann sein Leben mit all den anderen Zeitgenossen. Er nimmt den Mythos zur Kenntnis, weiß, dass sich dieser immer wieder dazwischenschiebt, doch er möchte „die Geschichte dieser Zeit erzählen“ und zwar, wie er sagt, „aus seinem Inneren heraus“.

Das Ergebnis ist eine große Erzählung über eine wichtige Epoche moderner Geschichte, die man einfach „in einem Zug durchlesen“ kann. Denn: Diese Glückssuche auf einem Berg im Süden präsentiert nicht bloß Geschichte, sondern ist immer noch gegenwärtig. Und: Vielleicht birgt gerade das Scheitern dieser sozialen Utopie jene Energie hervor, die gesellschaftliche Veränderungen antreibt. Diese Veränderungen wiederum können wir heute auf ganz verschiedene Weise mitgestalten.

Text: Editha Weber

Peter Michalzik:1900. Vegetarier, Künstler und Visionäre suchen nach dem neuen Paradies. Dumont Verlag; 24 Euro.

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