Ford: 50 Jahre RS-Modelle

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Es war das Jahr, in dem sich die Welt schneller zu drehen schien. Die Jugend rebellierte gegen gesellschaftliche Konventionen, die NASA schoss Raketen zum Mond und ausgerechnet Ford, die Spießer-Marke betulicher Familienkutschen, schickte 1968 Revoluzzer mit schrillen Rallyestreifen, Schalensitzen und grellen Weitstrahlern auf die Überholspur.

Was war geschehen? Die Kölner Filiale des US-Konzerns hatte ein massives Absatzproblem mit ihrer erst neu eingeführten, aber zu amerikanisch gezeichneten Mittelklasse 17 M und 20 M (Typ P7a) und auch das alternde Duo aus Taunus 12 M/15 M schwächelte. Schnelle Verkaufshilfe versprach sich Ford durch die „Formel RS“. Eine freche Ausstattungslinie, die die Familienautos 15 M bis 20 M außen und innen mit allen Features aufbrezelte, wie sie sich sonst bei reinrassigen Sportwagen fanden. Die entsprechende Kraftkur gönnte Ford seiner ersten Formel-RS-Flotte allerdings nicht, weshalb der Image-Gewinn überschaubar blieb. Schließlich steht das Kürzel RS für „Rallye Sport“ und so wurde der Buchstabencode erst Kult, nachdem die 1970 lancierten Typen Escort RS 1600 und Capri 2600 RS Rallye-Siege in Serie ernteten. Für viel Furore in der Vmax-Szene sorgten aber auch Ford Escort RS 2000 (ab 1973), der wilde Gruppe-B-Reiter RS 200 (ab 1984), Sierra Cosworth (ab 1985), Fiesta RS Turbo (ab 1990) und zuletzt der fast 270 km/h schnelle Focus RS. Nur zum 50. Jahrestag des sportlichsten Ford-Signets fehlt es an einem RS-Renner, es soll aber nur ein kurzer Boxenstopp sein.

„Dearborn, wir haben ein Problem“, musste Ford Köln 1968 an den amerikanische Mutterkonzern melden. Rund 40.000 unverkaufte Autos lagerten auf angemieteten Parkplätzen und Fußballfeldern und ein massiver Gewinneinbruch sprach ebenfalls Bände. Die Mittelklasse als Mini-Straßenkreuzer und die braven Kompakt-Limousinen vom Rhein liefen nicht mehr. Rivale Opel zeigte aber bereits, wie es besser geht. Hatte sich doch Fords Erzfeind mit Modellen im Trainingsanzug wie Rallye Kadett und Rekord Sprint ein sportiveres Image verpasst.

Der Konter aus Köln erfolgte umgehend. „Deutschlands sportlichste Familie“, wie die Werbung die neu kreierten RS-Modelle nannte, zu denen auch der 1969 vorgestellte Capri zählte, katapultierte Ford auf ungeahnte Produktionsrekorde und hierzulande fast 16 Prozent Marktanteil. Ein Traumwert, der Opel zu einem neuen Schlagabtausch animierte. Es war der Beginn eines wilden Wettrüstens für Rallyes und Rundstrecken und nur leicht gezähmter Ford-RS-Straßenversionen. Besonders clever war zudem das von Ford eingeführte Baukastensystem. Damit RS-Rallyefeeling auch für junge Familienväter bezahlbar wurde, gab es wichtige Features wie Rallyestreifen, Racingsitze und Weitstrahler auch im Zubehörprogramm. Ein heißer Look, der die fehlende Leistung vergessen ließ.

Tatsächlich waren die ersten Ford RS der Typen 15 M, 17 M und 20 M Blender, die vor allem beim damals üblichen samstäglichen Waschritual den Nachbarn beeindruckten. Denn an Extra-Power mangelte es den bereits bekannten 51 kW/70 PS bis 79 kW/108 PS starken Vier- und Sechszylindern. Das änderte sich erst als Ford Europa 1970 den harmlosen Escort mit Kühlergrill in Hundeknochenform in eine wilde Bestie verwandelte. Mit bissigem, am Ende bis zu 199 kW/270 PS starkem BDA-Cosworth-Kraftwerk machte dieser RS 1600 genannte Escort seinen Rivalen auf Rallyepisten das Leben schwer: Der Grundstein für die bis heute andauernde Erfolgsgeschichte der Ford Rallye-Sport-Modelle mit inzwischen vier Marken-WM-Titeln. Und mit 88 kW/120 PS in der Straßenversion verfügte schon der erste Escort RS über fast doppelt so viel Kraft wie ein konventioneller Escort GT.

Kein Wunder, dass die Nachfrage nach dem kleinen Powerprotz die Produktionskapazitäten weit übertraf. Entsprechend enthusiastisch feierten die Ford-Fans 1973 den Escort RS 2000, der sich zur RS-Legende schlechthin entwickelte. Über vier Generationen gebaute schnelle Brandstifter, die bei Rallyes und Rundstrecken so oft triumphierten, dass sie sogar biedere Basis-Escort mit Sport-Appeal aufluden. Mit und ohne Turboaufladung, kombiniert mit Hinterrad-, Vorderrad- und Allradantrieb blieben die Escort RS bis weit in die 1990er Jahre hinein nicht nur Messlatte für die Armada kompakter GTI, sondern auch für BMW M3 und alle italienischen Sport-Ikonen.

Es waren aber nicht nur Limousinen, die das RS-Trainingslager in Hochleistungsathleten verwandelte. Auch Sportcoupés wurden mit legalem RS-Doping zu „Höllenhobeln“, wie Fachmedien die 1970 vorgestellten 2,6-Liter-Capri nannten. Tatsächlich lehrte der Capri RS 2600 andere Rallye-Boliden das Fürchten, ganz besonders als er für den Wettbewerb auf 2,9-Liter-Hubraum mit 203 kW/276 PS aufgeblasen wurde. Der Normalkunde musste sich mit 110 kW/150 PS unter der mattschwarzen Motorhaube begnügen, aber auch damit konnte der Capri jedem Porsche 911 T davonstürmen. Noch mehr Killerinstinkte entfaltete der von Ford Halewood aufgelegte Capri RS 3100, der mit bis zu 3,4-Liter großem Cosworth V6 im Sprintduell nicht einmal dem Ferrari Dino 246 GT eine Chance ließ. „Er soll keinem Konkurrenten Paroli bieten, denn der Capri ist konkurrenzlos“, meinte das Ford-Marketing selbstsicher. Und zündete zum 25. Jubiläum der RS-Division den gefährlichsten Feuerwerkskörper: Das spektakuläre Mittelmotor-Coupé RS 200 war für die berühmt-berüchtigte Gruppe B der Rallye Weltmeisterschaft entwickelt worden und als Straßenfahrzeug der bis dahin schnellste und teuerste europäische Ford aller Zeiten.

Noch bevor der allradangetriebene Technologieträger mit Karosserie aus kohlenstoff- und aramidfaserverstärktem Harz seine ersten ganz großen Rallyetriumphe zelebrieren konnte, führte aber eine Serie tödlicher Unfälle zum vorzeitigen Ende der überschnellen Gruppe B. Dafür wurde die auf 200 Einheiten limitierte Serienversion des RS 200 nun ein begehrter Straßenfeger, der auch Porsche 911 Turbo die Endrohre zeigte und den Weg bereitete für die kaum langsameren, aber deutlich preiswerteren RS-Cosworth-Versionen der Mittelklasselimousine Sierra. Von 1985 bis in die 1990er Jahre entfalteten die Sierra Cossies ihre Talente als Bürgerschreck und unterschätzte Gegner von BMW M3 oder Mercedes 190 E 2.3-16. Nur ein Ford RS floppte. Gegen die kleinen Giftzwerge aus Italien und Frankreich blieb der Fiesta RS Turbo von 1990 chancenlos.

Im 21. Jahrhundert lag es am Focus, ein neues Kapitel in der RS-Geschichte aufzuschlagen. Zunächst als World-Rallye-Car-Hommage von 2002, dann als 204 kW/305 PS starker Fünfzylinder von 2009 und zuletzt als 257 kW/350 PS freisetzendes und 266 km/h schnelles Muscle Car, das Anfang 2018 auslief. Heute zählen Leistungsträger mit Sportabzeichen wie AMG, M, quattro, Cupra oder R zum Markenportfolio vieler Automobilkonzerne, eine Bewegung, die Ford vor 50 Jahren lostrat. Auch wenn den RS-Rennern der ganz große Durchbruch zum Volumensportler verwehrt blieb, die Muttermarke Ford machten sie allemal begehrenswerter.

Text: Wolfram Nickel/SP-X
Fotos: Autodrom, Ford