Der „Trucker“ am Nürburgring: Schaulaufen und Sorgen um den Job als Brummi-Fahrer

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„Der Wilde, wilde Westen fängt gleich hinter Hamburg an“ – Diese Meinung vertrat die deutsche Country-Band „Truck Stop“ in den 1980er Jahren mit großem Erfolg in den einschlägigen Charts. Am Wochenende machte der sprichwörtliche Wilde Westen aber (mal wieder) Station in der Eifel. Beim internationalen ADAC Truck Grand-Prix, der Einfachheit seit mehr als 30 Jahren „Trucker“ genannt, waren Cowboy-Stiefel, Fransen-Jacken und breitkrempige Hüte mit Biberschwanz ebenso angesagt wie die legendäre Band, die auch an der Grenze zum Rentnerdasein immer noch ihre Ohrwürmer an die einschlägigen Kreise weitergibt.

Doch der Trucker ist nicht nur romantisches Cowboy-Feeling am virtuellen Lagerfeuer. Er ist auch nicht nur knallharter Motorsport mit über 1200 PS starken Trucks mit Marken wie Iveco, MAN, Scania und Co. Er hat sich im Lauf der Jahre auch zu einem immer wichtigeren Schaufenster der Lkw-Industrie und der Zubehör-Lieferer entwickelt. Bei der 33. Auflage des Truck-Grand-Prix von Freitag bis Sonntag waren mehr als 80 Aussteller auf 24.000 Quadratmetern im Industriepark am Rande der Eifel-Rennstrecke vertreten.

Vier der sieben großen Lkw-Hersteller waren für das meist sehr sachverständige Publikum vor Ort. Bereits im April waren sämtlich Standflächen weg: Ausverkauft. Das bedeutet im Klartext: Nach der alle zwei Jahre stattfindenden Nutzfahrzeug-IAA in Hannover ist der jährliche Event am Nürburgring auch die wichtigste Lkw-Messe des Jahres. Er ist in dieser Zeit der bedeutendste Branchentreff für Logistiker, für Transportunternehmer, Lkw-Fahrer und Spediteure. Und an diesem Wochenende wurde eines deutlich: Die Branche hat mehr als nur ein Problem: Das größte indes heißt Nachwuchsmangel.

Von der Fernfahrer-Romantik à la Truck-Stop oder der des kürzlich verstorbenen Gunter Gabriel ist längst keine Rede mehr. Lastwagenfahrer, egal ob regional national oder international, ist ein Knochenjob, der an die Gesundheit geht. Einer, der – so die Meinung der Betroffenen – zudem schlecht bezahlt ist und die Menschen unter ständiger Terminhetze und immer länger werden Staus auf den Autobahnen physisch wie psychisch zusehends belastet. „Mehr als die Hälfte der derzeit 530.000 deutschen Berufskraftfahrern gehen in den nächsten zehn Jahren in Rente. Aber es fehlt an adäquatem Nachwuchs“, wurde am Rand des Truck-Grandprix in einschlägigen Gesprächsrunden deutlich.

Zu den Protagonisten vor Ort , die auf die angespannte Situation im Transport-Gewerbe aufmerksam machten, gehörten der rheinland-pfälzische Minister für Wirtschaft, Verkehr, Landwirtschaft und Weinbau, Dr. Volker Wissing und Dr.-Ing. Klaus Manns, der Vorsitzende des ADAC Mittelrhein. Der betonte, die Wirtschaft verlange einerseits nach immer mehr Transportleistung, doch stünden dieser Forderung ein überalterter Arbeitsmarkt an Kraftfahrern und eine alarmierende Lage beim Nachwuchs gegenüber.

„Auf jährlich 50.000 neue Rentner kommen lediglich 10.000 Berufsanfänger nannte Manns Besorgnis erregende Zahlen. Gehe es so weiter, dann gefährde der Fahrermangel die Wirtschaft und stelle die Versorgungs-Sicherheit in Frage. „Kraftfahrer sind zu einem knappen Gut gewonnen. Zeitgemäße, individualisierte Arbeitsmodelle sind ein notwendiger Schritt in die richtige Richtung.“Betroffene, mit denen wir Ort sprachen und die aus Sorge um ihren Arbeitsplatz nicht namentlich genannt werden wollten, präzisierten das Thema aus eigener Erfahrung: „Für Familie und Freizeit bleibt oft keine Zeit mehr. Und nicht alle Angehörigen zu Hause haben Verständnis dafür, wenn man nach stressigem Parkplatz-Suchen, nach Schlafmangel in den engen Kabinen und ständigem Termindruck weder ausgeruht noch familienfreundlich nach Hause kommt.“ Viele „Brummifahrer“ flüchteten aus Sorge um den Erhalt ihrer sozialen und familiären Bindungen aus dem Berufsleben und suchten sich ein anderes Auskommen.

Forderungen an die Politik wie zusätzliche sichere Stellplätze oder mehr Sozialangebote für die Kraftfahrer an den Parkplätzen, Tank- und Rastanlagen seien bisher ungehört geblieben. Doch nicht nur die Fahrer, auch die Spediteure bangen um nicht mehr als ihre Existenz: Mautdruck (seit 1. Juli auch auf allen Bundesstraßen) und die immer auffälliger werden Lkw-Flotten aus Ost-Europa mit oft technisch fragwürdigen Fahrzeugen und Dumpingpreisen brächten zusätzliche Schärfe in den bereits hart umkämpften Markt.

Doch bei aller Sorge um Zustand und Zukunft des Gewerbes und dessen Angehörigen unterstrich der „Trucker“ auch in diesem Jahr wieder seine Daseinsberechtigung als großer Vergnügungspark der Lkw-Branche. Vor alle der einstündige Autokorso, bei dem aktuelle und historische Trucks, Sattelschlepper, Campingfahrzeuge, Busse, sowie Feuerwehr- und Polizeifahrzeuge unterwegs waren, bildete wieder den optischen Höhepunkt. Und die vielen Hersteller in den Fahrerlagern sorgten mit hübschen „Grid-Girls“, die kleine Mitbringsel und Gimmicks aus der Branche unters Volk brachten, für Kurzweil und optische Glanzpunkte.

Text und Fotos: Jürgen C. Braun

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