Volvo: 60 Jahre in Deutschland

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Für Volvo war es der ultimative Härtetest. Im Sommer vor 60 Jahren wagte sich der Göteborger Autobauer in die „Höhle des Löwen“, wie die Schweden den deutschen Automobilmarkt nannten. Nach erfolgreichem Start in Nordamerika wollte die auf Expansion ausgerichtete Marke mit den Modellen Volvo PV444 und Volvo Amazon von einer Niederlassung in Frankfurt am Main aus deutsche Autokäufer begeistern. Allerdings waren es fast nur in Europa stationierte US-Soldaten, die Gefallen an den hochpreisigen und im Falle des buckligen PV444 kurios geformten Skandinaviern fanden. Deutsche Kunden gewann Volvo erst durch spektakuläre Sicherheitsstunts. Überschlagtests mit Buckel-Volvo und Amazon, bei denen die Passagiere unverletzt blieben und ein an seinen serienmäßigen Sicherheitsgurten aufgehängter Traumsportwagen Volvo P1800, damit machte Volvo frühe Schlagzeilen. Ein Jahrzehnt später galt Volvo auch als bester Freund von Familien, denn die kantig gezeichneten 140er und 240er Kombis wurden Kult. Als sich dann jedoch die großen 700er Volvo zu sehr dem amerikanischen Geschmack annäherten, stürzten die Schweden in ein tiefes Tal, aus dem sie sich nur langsam befreiten. Möglich machten dies temperamentvolle Turbos und eine SUV-Flotte im skandinavischen Stil.

„Mit Vollgas auf den deutschen Markt“, lautete die Vorgabe an Volvo-Händler der frühen Jahre. Wie in Nordamerika sollten Amazon und Buckel-Volvo am Sonntag Rundstreckensiege erzielen und am Montag Verkaufserfolge einfahren. Eine Strategie, die hierzulande nicht aufging, dabei hatte die Frankfurter Volvo GmbH sogar eine eigene Motorsportabteilung aufgebaut und die buckligen PV444 und PV544 ließen bei Flugplatzrennen Borgward, BMW oder Alfa Romeo kaum eine Chance. Verkauft wurden die Volvo dennoch nur in homöopathischer Dosis, erst 1965 wurden die Zulassungszahlen vierstellig. In jenem Jahr hatten die Schweden eine größere Importzentrale im hessischen Dietzenbach eröffnet und der Amazon kam nun aus neuem Werk im belgischen Gent. Für Volvo war dies ein wichtiger Schritt zu Zollerleichterungen, da Schweden noch kein Mitglied der damaligen Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) war. Vor allem aber erntete Volvo nun auch in Deutschland die Früchte seiner Vorreiterrolle bei der Fahrzeugsicherheit. Schon die Modelle PV544 und Amazon waren im Jahr 1959 als weltweit erste Pkw mit serienmäßigen, patentierten Dreipunkt-Sicherheitsgurten ausgerüstet worden, zur ganz großen Sensation wurden aber der 1966 vorgestellte Volvo 140 und das 1968 präsentierte Sechszylinder-Flaggschiff Volvo 164.

Mit Sicherheitssystemen, die weltweite Standards setzten, avancierten diese in klaren und kantigen Linien gezeichneten Limousinen und Kombis als erste Baureihe aus Göteborg zum Millionseller. In Deutschland konnte der unter dem Slogan „Sicherheit aus Schwedenstahl“ beworbene Volvo 140 die jährlichen Verkaufszahlen des Importeurs auf über 10.000 Einheiten beschleunigen. Werbeanzeigen, die sich im Gedächtnis verankerten, machten Volvo zur Autorität der Sicherheitsdebatte in einer Zeit als jährlich rund 20.000 Menschen auf deutschen Straßen starben. Volvo provozierte, etwa mit einer halbnackten Frau, deren Oberkörper vom Druckstreifen des Sicherheitsgurtes gezeichnet ist. Dazu der Text: „Sie lebt. In ein paar Tagen wird nicht einmal mehr der Druckstreifen an den Unfall erinnern“. Oder ein Mensch, der einen Totenschädel auf der Hand trägt und sich fragt: „Sein oder Nichtsein. Das ist die Frage für 2 Millionen Autokäufer in diesem Jahr. Einige entscheiden sich für Volvo. Sie entscheiden sich für das Sein.“Als die Bundesregierung den Volvo 140 zum Vorbild nahm, um ein Lastenheft für die Sicherheitsfahrzeuge von morgen zu entwickeln, befreite sich Volvo Deutschland endgültig aus dem Nischendasein. Kein Wunder, dass diese kantigen Modelle zusammen mit den 1974 vorgestellten Weiterentwicklungen 240 bis 260 zu Archetypen aller Volvo avancierten. Wie kein zweites Modell prägten die mit markanten Sicherheitsstoßfängern ausgestatteten Limousinen und Kombis das Image von Volvo als Hersteller fast unzerstörbarer Familienfahrzeuge, die in Deutschland ihren drittgrößten Absatzmarkt hinter Schweden und den USA fanden. Bis 1993 blieben die 240er in Bestform. Vielleicht auch, um dem damals neuen Modell 850 als erstem großen Volvo mit Frontantrieb wenigstens noch kantige Formen zu vererben. Vor allem aber, um der sicherheitsverliebten Marke einen Weg aus dem finsteren Tal der Tränen zu weisen, in das die Nordeuropäer in den 1980ern gestolpert waren.

Kann es zu viel Sicherheit geben, fragten deutsche Medien schon 1976, als der Volvo 340 viel zu füllig und behäbig ausfiel für einen kompakten Herausforderer mit Heckklappe. Auch die schwergewichtigen 240er mussten Spott ertragen für mäßige Fahrleistungen. Deshalb konterte Volvo mit flotten Turbos in den 240ern und in den 1985 eingeführten kompakten Frontantriebstypen der 400er Serie. Als sich Volvo jedoch mit den im US-Stil gezeichneten 700er und 900er Modelle endgültig im deutschen Premiumsegment verankern wollte, stürzten die Verkaufszahlen nachhaltig ab. Auch der Start in den neuen Bundesländern fiel den Schweden 1990 schwer. Ausgerechnet die Fahrzeuglieferungen von Volvo an die frühere Staatsführung der DDR belasteten nun vorübergehend das Image der Marke. Umso wichtiger war das Thema Dynamik, das Volvo im 1991 lancierten 850 spielte, der mit neuem Frontantriebslayout und als Turbo schnelle BMW und Audi herausforderte.

Andererseits litt Volvo kontinuierlich unter klammen Kassen, weshalb der Autobauer 1994 eine Kooperation mit Renault anstrebte – die Volvo-Deutschland-Zentrale wechselte deshalb in den Kölner Raum – die aber platzte. Besser klappte es erst unter den neuen Herren von Ford (ab 1999) und von Geely, die bei Volvo den Geldfluss sichern und den Göteborgern trotzdem viel freie Hand lassen. So konnte Volvo sein Renommee als Kultmarke für sichere Familien- und Freizeitfahrzeuge fortentwickeln. Nicht nur klassische Kombis wie der gerade erneuerte V60, sondern auch die heute angesagten Crossover und SUV zählen inzwischen zu den Kernkompetenzen der Schweden. Die frühere Betulichkeit der Skandinavier ist einer verblüffenden Rasanz gewichen. Mit einer aufregenden Formensprache und fortschrittlichen Antrieben gelingt es Volvo heute auch, die Käufer der süddeutschen Premiumhersteller zu überzeugen.

Volvo, damit verbanden deutsche Autofahrer über Jahrzehnte kantige Klassiker, trocken, langlebig und unaufgeregt wie Knäckebrot. Diesen Mythos bedienen nur noch die alten Volvo-Kombis in TV-Schmonzetten vor schwedischer Kulisse. 60 Jahre nach dem Deutschlandstart sind es gewagte Vorhaben, die Volvo eine Alleinstellung verschaffen. Zum einen die „Vision 2020“, mit der sich die Schweden verpflichten, dass ab dann kein Mensch mehr in einem neuen Volvo ernsthaft verletzen werden wird. Aber auch das Ziel, die deutschen Volvo-Neuzulassungen von derzeit jährlich 40.000 Einheiten bis 2020 um 50 Prozent zu steigern.

Text: Wolfram Nickel/SP-X
Fotos: Volvo