Liebe Leserin!
Lieber Leser!

Immer dann, wenn uns die Presse-Abteilungen der großen Automobil-Hersteller ein meist Jahrzehnte altes Schwarzweiß-Foto zukommen lassen, auf dem ein heute längst nicht mehr aktuelles Fahrzeug inmitten einer großen Schar von Arbeitern, meist noch mit einem Lorbeerkranz versehen, zugeschickt wird, dann wissen wir: Hier geht es um ein Firmen-Jubiläum. Erinnert werden soll (um nur beispielshalber das eine oder andere Ereignis zu nennen) an die Produktion des Millionsten Volkswagens oder Opels. Jedenfalls geht es in der Regel um eine ganz andere Zahl als jene, mit denen die Marketing-Strategen eines weitaus weniger „bürgerlichen“ Modells warben.

In einer Pressemitteilung des Hauses Bugatti – neben Rolls-Royce oder Bentley so ziemlich das Exklusivste, was sich in der Kunst des Automobilbaus finden lässt – wurde auf die Fertigung des 100. Chiron hingewiesen. Nun ist Bugatti nicht Volkswagen, Ford, Opel, Fiat, oder Peugeot. Aber die Zahl 100, in Worten einhundert, macht doch etwas stutzig. 100 Fahrzeuge eines Golf, Focus, Astra oder vergleichbaren Volumenmodellen der großen Hersteller verlassen in der Regel oft täglich das Band in den riesigen Produktionsstätten. Was also zeichnet einen Bugatti Chiron aus, dass die Fertigung des Hundertsten Exemplars es wert ist, an die große mediale Glocke gehängt zu werden?

Die Antwort lässt sich fast schon mit einer Gegenfrage liefern. Haben Sie, liebe Leserinnen und Leser, schon jemals einen Bugatti, geschweige denn einen Chiron, auf den Straßen gesehen? Ich beschäftige mich jetzt seit weit mehr als 40 Jahren mit Automobilen und glaube, in dieser Zeit, jede Menge gängiger Autos und auch zahlreiche Exoten und außergewöhnliche Exemplare gesehen zu haben. Ein Bugatti Chiron, aber, das gestehe ich gerne ein, war noch nicht darunter. Das wäre dann in etwa so, als ob ich neben dem Nachbarn auch ab und zu mal die Queen treffen würde. Obwohl es die nur einmal gibt.

Was mich beim Lesern der erwähnten Pressemitteilung nicht wunderte, war die Mitteilung, dass das Fahrzeug, an „einen Kunden von der Arabischen Halbinsel“ ausgeliefert wurde. Wo die automobile Maßanfertigung wahrscheinlich in Zukunft eine eher unbedachtes Leben zwischen einigen Ferraris, „Lambos“ und dem einen oder anderen McLaren friste dürfte. Man gönnt sich ja sonst nichts.

Auf den planen Wüsten-Rennstrecken hat der neue Besitzer zumindest die Gewissheit, dass er den 1500 PS (!) starken und von Hand gefertigten Supersportwagen nach Herzenslust ausfahren kann. Der Verkehr dort dürfte sich in Grenzen halten. Dass der „Ölprinz“ damit im Stau steht, erscheint eher unwahrscheinlich. Der Preis des aus dunkelblauem Sichtcarbon gefertigten Einzelstücks, so teilte das Unternehmen mit, liege bei etwa 2,85 Millionen Euro.

Was mich unwillkürlich an mein allererstes eigenes Fahrzeug erinnerte. Das war im Jahr 1972, kurz nach dem Erhalt des Führerscheins, ein zehn Jahre alter VW Käfer. Der kostete mich damals 700 Mark und ich war so klug gewesen, als Pennäler schon einmal etwas für die bis dahin kostspieligste Anschaffung meines jungen Lebens etwas zu sparen. Und ich glaube, ich war auf meinen hellgrünen Käfer damals mindestens genauso stolz, wie vermutlich der „Kunde von der Arabischen Halbinsel“ (so formulierten es die Bugatti-Leute).

Ich wünsche Ihnen ein angenehmes Wochenende.

Ihr Jürgen C. Braun