Opel: Die Nutzfahrzeuge und der “Blitz”

Foto 1
Foto 2
Foto 3
Foto 4

Opel und Nutzfahrzeuge? Dazu fällt Gewerbetreibenden und kinderreichen Familien heute vor allem der kompakte Combo ein, den die Rüsselsheimer unter Führung des französischen PSA-Konzerns gerade in fünfter Generation vorgestellt haben. Ansonsten aber ist die Marke mit dem Blitz zum Nebendarsteller bei den leichten Nutzfahrzeugen geworden, fast vergessen ist die gut 120-jährige Transporter-Tradition bei Opel. Den Grundstein legte im Jahr 1899 der 3,5 PS leistende Lieferwagen System Lutzmann, der als „Coloss von Motorkraftwagen“ vorgestellt wurde. Zum größten Lkw-Produzenten Deutschlands avancierte Opel im Ersten Weltkrieg durch Rüstungsaufträge, ehe ab den 1920er Jahren „Schnellastwagen“ dazu beitrugen, dass sich der Rüsselsheimer Konzern auch in Europa auf Platz eins positionierte.

Populärster Opel-Transporter wurde der 1930 vorgestellte und bis 1975 in über 440.000 Einheiten gebaute Blitz. Aus diesem markantem Modellnamen ging das Zeichen hervor, das bis heute die Marke Opel prägt. Schicke Lieferwagen auf Basis des Olympia-Rekord beflügelten das Geschäft in den Wirtschaftswunderjahren zusätzlich. Dann kam die dunkle Zeit zwischen 1975 und 1986 als Opel Mutter GM es dem englischen Bedford überließ, die Opel-Nutzfahrzeugfahne hochzuhalten. Frische Hoffnung keimte mit dem Opel Combo und ab 1997 mit den Modellen Arena, Movano und Vivaro aus einer Kooperation mit Renault. So richtig zünden wollte allerdings keines der Renault-Derivate. Was PSA heute darin bestärkt, die frühere Opel-Expertise im Nutzfahrzeuggeschäft zu revitalisieren und Rüsselsheim zum Entwicklungszentrum für alle Transporter im Konzern zu machen. Damit der Blitz wieder leuchtet, aber auch Löwen-Logo und Citroën-Doppelwinkel glänzen.

Tatsächlich zählt der vielseitige Eilfrachter Opel Blitz noch heute bei jedem Oldtimertreffen zu den umlagerten Helden der Vergangenheit. Lässt doch dieses bei Behörden und Handwerk gleichermaßen beliebte Arbeitstier Erinnerungen an die deutschen Wirtschaftswunderjahre lebendig werden, so wie es sonst nur historische VW Bulli, Borgward- oder Mercedes-Transporter vermögen. Alle anderen alten Laster von Opel sind dagegen vergessen und vergangen. Kaum jemand weiß, dass die Hessen zu den vier ältesten noch heute aktiven Nutzfahrzeugherstellern zählen und schon das erste Opel-Automobil, der 1899 in Zusammenarbeit mit Friedrich Lutzmann entwickelte Patent-Motorwagen, als Kastenwagen angeboten wurde. Auch die spektakulären Opel-Werbeträger des frühen 20. Jahrhunderts, allen voran Lieferwagen in Flaschenform für die Sektkellerei Henkell und fahrende Parfumflakons für Mouson waren wegweisend, aber den Durchbruch im Nutzfahrzeuggeschäft sicherten ausgerechnet Opel-Pkw als Gewinner von Zuverlässigkeitsfahrten. Diese Siege machten Opel erst zum Hoflieferanten von Kaiser Wilhelm II., dann zum wichtigsten Lkw-Produzenten für das kaiserliche Heer. Der Schritt zum größten deutschen Lastwagenhersteller gelang im Ersten Weltkrieg mit dem 1915 eingeführten Drei-Tonnen-Regellastwagen – ein wirtschaftlicher Höhenflug, aus dem Opel mit Kriegsende 1918 jäh abstürzte.

Unter französischer Besatzung des Werks und den folgenden wirtschaftlichen Krisenjahren der Inflation kam die Lkw-Produktion in Rüsselsheim fast zum Erliegen. Erst die 1927 lancierten „Schnellastwagen“ und der 1930 eingeführte Opel Blitz ermöglichten einen Neu-Start, der die Marke zurück auf Platz eins katapultierte. Gilt heute der Mercedes Sprinter als Namensgeber für eine ganze Klasse, gelang dieses Kunststück in den 1930er Jahren dem Opel Blitz. Für die Sprints zu den Kunden setzte er auf Technik, die sonst nur in Oberklasse-Pkw eingesetzt wurde, etwa ein anspruchsvolles Fahrwerk. Vor allem aber waren es leistungsstarke Sechszylinder – erst amerikanischer Provenienz und 1937 aus dem repräsentativen Admiral adaptiert – die dem Blitz das begehrte Attribut „autobahntauglich“ bescherten. Auch die standfeste Vierrad-Bremsanlage etablierte Opel als erste Marke bei leichten Nutzfahrzeugen.

Seinen Namen verdankte der Opel Blitz einem Preisausschreiben, zu dem die damals unfassbare Anzahl von über 1,5 Millionen Antwort-Postkarten eintraf. Dafür genügte, dass ein Pkw als Hauptgewinn lockte. Noch vor den Wolfsburgern wollte Opel mit Modellen wie P4 und Blitz den Traum von bezahlbaren Volksautos für Familien und Handel wahr werden lassen. Tatsächlich sprengten die Bestelleingänge für den Opel Blitz die Produktionskapazitäten in Rüsselsheim, weshalb der Bestseller 1935 ein neues Werk in Brandenburg erhielt. Geleitet wurde diese größte Nutzfahrzeugfabrik Europas übrigens zeitweise von Heinrich Nordhoff, dem späteren Lenker des Volkswagenkonzerns.
br>1940 wandelte sich Opel vom bedeutendsten europäischen Autobauer zum Rüstungsunternehmen, das fast alle Kapazitäten für den Drei-Tonnen-Lkw Blitz „S“ (Standard) freimachte, denn der Blitz wurde wichtigster Lastwagen der Wehrmacht. Bis 1944. In jenem Jahr wurde das Werk Brandenburg durch alliierte Luftangriffe zerstört und später als Reparationsleistung demontiert und an die Sowjetunion geliefert. Im ebenfalls kriegszerstörten Rüsselsheim begannen 1945 die Aufräumarbeiten und am 15. Juli 1946 lief als erster Nachkriegs-Opel ein Blitz 1,5 Tonnen vom Band. Gleich nach Gründung der Bundesrepublik war auch der bewährte Blitz 3 Tonnen wieder verfügbar und der Olympia Kastenwagen übernahm die Rolle des kleinen Citykuriers. Eine Marktnische, die Opel erstmals 1935 mit dem Typ „Geschäftswagen“ entdeckt hatte und für die es in den 1950er Jahren die Olympia-Rekord Schnell-Lieferwagen gab.

Die Kombination von Pkw-Attributen mit Nutzfahrzeugtalenten gelang Opel bei allen Transportern bis zur Einstellung des Blitz im Jahr 1975. So waren es die Motoren aus Kapitän und Rekord, die in den Lasteseln für flotten Vortrieb sorgten, während eine frühe Kooperation mit Peugeot das Triebwerksprogramm 1969 um einen effizienten 2,1-Liter-Diesel aus dem französischen Pkw-Flaggschiff 504 ergänzte. Auch an Fahrwerkskomfort mangelte es den bis zuletzt beliebten Opel Blitz nie. Da war ein nüchternes Arbeitsgerät wie der 1973 eingeführte und rustikal zusammengebaute englische Bedford Blitz kein geeigneter Nachfolger.

Ein zündendes Fahrzeugkonzept präsentierte die Marke mit dem Blitz erst wieder in den 1980ern als der Combo an den Start ging. Zunächst basierte der Mini-Transporter auf dem Kadett, dann auf Corsa B und C, anschließend war er ein Zwilling des Fiat Doblò und jetzt ist er engster Verwandter von Citroën Berlingo und Peugeot Rifter, aber in jeder Generation zählte er als Kasten und Kombi zu den Favoriten kostenbewusster Familien und Handwerker. Anders die größeren Transporter, deren Revival Opel zum 100. Jubiläum im Jahr 1999 einleitete. Allerdings fehlte es den in Kooperation mit Renault realisierten Modellen Vivaro oder Movano an nachhaltiger Schlagkraft, was nicht zuletzt eine Frage des Vertriebs war. Besser werden soll alles zum bevorstehenden 120. Jahrestag von Opel – nun als Nutzfahrzeugspezialist des PSA Konzerns.

Text: Wolfram Nickel/SP-X
Fotos: Opel/SP-X