Autocross oder Rodeo auf Rädern: Wenn die Schlammwühler in die Eifel einfallen

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322 Einwohner, 15 Kilometer bis zur luxemburgischen und 18 Kilometer bis zur belgischen Grenze. Einzige Sehenswürdigkeit: eine denkmalgeschützte Kapelle aus der Zeit vor der französischen Revolution. Eine freiwillige Feuerwehr. 31 Prozent des Gemeindegebietes sind Wald, 64 Prozent werden landwirtschaftlich genutzt. Gasthaus, Einkaufsmöglichkeit? Keine Rede davon beim Internet-Alleswisser Wikipedia.

Nur einmal im Jahr, da platzt der kleine Ort in der westlichen Eifel förmlich aus allen Nähten. Da sind mehr Gäste und Teilnehmer einer Sportveranstaltung da, als die Gemeinde Einwohner hat. Beim letzten Lauf einer internationalen Autocross-Serie kommen immer im Oktober Teilnehmer aus Deutschland, Frankreich, Belgien und Luxemburg ins Dreiländereck.

Die hügelige, anspruchsvolle, rund 850 Meter lange Strecke in den „Krautscheider Laachen“ hat Kultcharakter in der Szene. Autocross: Das ist etwas für die ganz harten, für die Schlammwühler. Für die, die sich vor dem außergewöhnlichsten Offroad-Rennsport mit Motoren nicht fürchten. Umgebaute Serien-Tourenwagen, aber auch offene Buggies mit Gitterstäben und Überrollbügeln jagen im beinharten Fight Seite an Seite über die mal knüppelharte, mal von Regen und Matsch aufgeweichte Strecke.

Und am Rand der Piste, zwischen den Gassen des vom Einsatz der Fahrer und Fahrzeuge gekennzeichneten Fahrerlagers und der verdreckten Berg- und Talbahn, stehen Hunderte von Zuschauern aus der weiten und fernen Umgebung. Sie johlen und klatschen was das Zeug hält. Feuern die Männer (und Frauen!) in ihren exotischen anmutenden Kisten an, was das Zeug hält: Autocross in Krautscheid: Das ist so etwas wie eine Reminiszenz an die Wagenrennen aus der Zeit des judäischen Fürsten und Filmhelden Juda Ben Hur.

Da fliegen nicht nur die Matschklumpen, sondern mitunter auch die Anbauteile der oftmals bis zur Unkenntlichkeit verschmierten Rodeo-Mobile. Doch Autocross ist keine gelebte Anarchie auf Rädern. In diesem Wettbewerb gibt es, wie in allen anderen Motorsportarten auch, feste Regeln und eine technische Abnahme der Automobile. Es gibt Sportkommissare, die auf einem Richtturm über die Einhaltung der Regeln wachen, mitunter per Flaggensignal Verwarnungen oder auch Renn-Ausschlüsse aussprechen. Und es gibt – wie in der großen Formel 1 oder in der WEC – sogenannte „TeKos.“ Technische Kommissare, die erst ihr OK geben müssen, wenn sie den Kontrahenten unter die Haube oder ins „Herz“, sprich den Motor, geschaut haben.

Andreas Loskyll ist einer der Eifel „Rodeo-Reiter“ in den „Laachen.“ Der 36-Jährige ist seit frühester Jugend dabei, wurde als Kind vom Rennvirus infiziert. „Weil Autocross erstens noch bezahlbarer Motorsport ist. Weil es ein familiäres Umfeld gibt, in dem jeder jedem hilft, wenn es sein muss. Und weil es halt eben etwas Exotisches, etwas ganz Anderes als jede andere Form von Motorsport ist“, erklärt er seine persönliche Faszination Autocross.

Er selbst hat vor rund zwei Jahrzehnten mit einem VW Käfer angefangen, ist jetzt bei einem Honda Civic gelandet. Hat in dieser Zeit Titel und Pokale in der SWASV (Südwestdeutsche Autocross-Vereinigung) gesammelt wie andere Leute Briefmarken. Ans Aufhören denkt er noch lange nicht. „Die Kleinsten dürfen mit zehn Jahren in ihrer eigenen Altersklasse einsteigen. Der Älteste an diesem Wochenende ist 68“, erzählt er am Rande der Rennen. Nicht nur fahren, sondern auch schrauben ist angesagt als Autocrosser. „Vieles muss man selbst machen, aber es ist immer jemand da, der ein Teil hat, das man braucht oder der mit anpackt.“

Angetrieben werden die „Schlamm-Mobile“ von aufgebohrten Motorrad-Motoren.: „Hayabusa oder Kawasaki. Die arbeiten mitunter bis zu 20.000 Umdrehungen. Wie ein Zahnarzt-Bohrer.“ Und genau so hört es sich auch an: Zwei Tage Kreischen und Heulen an und neben der Strecke. Aber auch nach den Qualis oder den Rennen ist abends im Fahrerlager mal Zeit für Benzin-Gespräche und ein Bier beim Smalltalk. Bis Krautscheid in der Eifel wieder im Dornröschenschlaf versinkt.
Bis zum nächsten Jahr.

Text und Fotos: Jürgen C. Braun