Liebe Leserin!Lieber Leser!

Wer Anfang und Mitte dieser Woche durch die vielen Hallen und die großen Freigelände der IAA in Frankfurt am Main geschlendert ist, dem war als interessierter Beobachter der Szene klar: Die Hersteller üben sich in diesem Jahr in einem Spagat, der seinesgleichen sucht und den es so in dieser Form noch nie gegeben hat.

Meine erste Automobil-Ausstellung unter dem Frankfurter Messeturm sah ich mir Mitte der 1970er Jahre an. Schon damals mit viel Freude am Automobil, an der Technik, der Optik, der Leistung. Aber auch, um darüber zu berichten.

Die Rolle des Automobils hat sich in diesen vier Jahrzehnten geändert, seine Stellung in der Gesellschaft auch. Das Auto, in erster Linie mit Verbrennungsmotor, steht zunehmend in der Kritik. Also müssen die Hersteller nach Alternativen suchen und diese auch zeigen. Die 67. IAA ist die erste ihrer Art, die dieses Thema bei vielen Ausstellern in den Mittelpunkt stellt und Lösungen anbietet. Wenngleich das perfekte Elektroauto, also eines mit annehmbarem Preis, akzeptabler Reichweite und zufriedenstellender Ladestellen-Infrastruktur, immer noch nicht gefunden worden ist.

Doch bei aller Sorge um Umweltbelastungen, bei all dem angekratzten Image der Branche wegen Schummeleien, Tricksereien und angeblicher Kartell-Absprachen wird klar: Viele Besucher werden auch in diesem Jahr wieder nach Frankfurt kommen, weil die blank geputzten, blitzenden und hochpreisigen wie „sauschnellen“ Automobile vor allem eines versprechen: Emotionen. Gefühle, die man durch Ansehen, (manchmal auch Anfassen), Bestaunen und Filmen oder Fotografieren förmlich aufsaugt. Noch immer ist das Wort „Autofreund“ nämlich nicht aus dem Duden gestrichen.

Und aus diesem Grunde werden bis zum 24. September die Stände von Ferrari, Lamborghini, Bentley, Maserati und Co. immer noch dichter und heftiger umlagert sein als jene, an denen neue, preisgünstige Kleinmobile gezeigt werden. Ein AMG „Project One“ mit mehr als 1000 PS und einem Grundpreis von drei Millionen Euro, den Mercedes zeigt, zieht die Menschen vor Ort halt immer noch mehr an als der neue VW Polo.

Ihren Charakter als Informationsquelle hat eine Messe wie die IAA längst verloren. Wer den Kauf eines Fahrzeugs erwägt, kann sich auf den vielfältigsten digitalen Kanälen schon vorher zu Hause in aller Muße damit auseinandersetzen. Der muss, wenn er ein Familienfahrzeug oder einen Kleinwagen für die Tochter erwerben will, keine lange Anreise, Parkplatzsuche, hohe Eintrittspreise, Hallen, in denen gedrängelt und geschubst wird, auf sich nehmen. Allen Bestrebungen, unsere Mobilität in den nächsten Jahrzehnten und auch vielleicht darüber hinaus zu sichern, zum Trotze: Menschen, die auf eine Automobilmesse gehen, folgen auch heute – rund vierzig Jahre nach meiner ersten IAA – immer noch mehr dem Bauch als dem Kopf. Und sie werden auch in diesem Jahr wieder finden, was sie suchen.

Ich wünsche Ihnen ein angenehmes Wochenende.

Ihr Jürgen C. Braun