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Längst zählen sie zu den treffsichersten und schnellsten Stilikonen auf dem großen Feld der feinen Freizeit- und Firmentransporter. Die Audi-Kombis mit dem Namen Avant entwickelten sich in den vergangenen 40 Jahren zu Bestsellern in Millionenauflage, nicht zuletzt, weil sie zuerst das Segment der Lifestylelaster ins Laufen brachten und dann als sparsamste, schnellste oder stärkste Familienfrachter aller Zeiten Schlagzeilen machten. „So geil kann Kombi sein“, solche Titel ernteten nicht Mercedes T-Modell, Volvo 850 Turbo oder BMW M5 touring als erste, sondern die Audi A4 und A6 Avant quattro, die obendrein Geschichte schrieben mit dem eingängigen Werbeslogan: „Schöne Kombis heißen Avant.“ Ein Kombi-Credo, das gut zwei Jahrzehnte nationale Bekanntheit genießt und vergessen macht, dass Audi anfangs ab 1977 auch Lifestyler mit Lade-Hemmung lancierte.

Damals erinnerte der erste Audi 100 Avant (C2) mit fünftüriger Fließhecklinie eher an einen zu groß geratenen VW Passat als an einen praktischen Kombi. Von formaler Extravaganz keine Spur, nur der optionale Fünfzylinder-Benziner und der vom soeben verblichenen NSU Ro 80 geerbte Slogan „Vorsprung durch Technik“ verrieten, dass dieser Audi 100 kein Fahrzeug sein wollte für Fahrer mit Hut und gehäkelter Toilettenrollen-Hülle auf der Ablage. Sondern ein Automobil der Avantgarde, wie der Name Avant betonte.

Vielleicht liegt es daran, dass Audi die Bezeichnung Avant irgendwann ähnlich bekannt machte wie quattro für Allradantrieb. Jedenfalls wird das Unternehmen bis heute nicht müde, stolz den Ursprung des Namens Avant zu erklären. Demnach ist Avant dem italienischen Ausruf „avanti“ – „vorwärts“ entlehnt. Ähnliches gilt für das Französische, in dem „en avant“ so viel wie „vorwärts“ bedeutet. An die stilvoll-eleganten Kleider romanischer Karossiers konnte der Audi 100 Avant vor 40 Jahren allerdings noch nicht anknüpfen. Dabei waren die Audi-Absatzstrategen durchaus mutig als sie statt eines klassischen Kombikonzepts – das nur als Prototyp realisiert worden war – ein fünftüriges Fließheck favorisierten. Eine Karosserieform mit der Audi dem kühnen Rover 3500 SD1 und dem Renault 20/30 Contra geben wollte, die am Ende jedoch zu verwechselbar ausfiel für wirklich avantgardistische Fastbackfans, zu klein für Kombikäufer und zu schräg für brave Bürger. Keine 50.000 Kunden entschieden sich für den ersten Audi Avant, dessen Kofferraum lediglich 433 bis 1.113 Liter Volumen bot.

„Der neue große Audi 100. Unser schönstes Stück Technik“, texteten die Ingolstädter in großformatigen Anzeigen zum Marktstart ihres Flaggschiffs Mitte der 1970er. Schließlich setzten die Modelle mit den weltweit ersten Fünfzylinder-Benzinern und -Selbstzündern Meilensteine im Motorenbau – und wollten sich so auch mit Mercedes messen. Dort war gerade das T-Modell präsentiert worden, ein Lifestylekombi, auf den der Audi 100 Avant erst in zweiter Generation eine Antwort fand. Gefiel der 1983 lancierte Audi 100 Avant (C3) doch durch eine gleichermaßen elegante wie geräumige Verpackung, die es sogar als luxuriöseren Audi 200 Avant (C3) gab.

Die neue Generation der Ringträger beeindruckte durch ein großzügig verglastes Heck, das entfernt an Shooting Brakes von Aston Martin oder den Volvo 1800 ES „Schneewittchensarg“ erinnerte und das Mercedes T-Modell oder die Volvo 740/760 Kombi betagt und betulich wirken ließ. Ausgerechnet die streng tempolimitierten Schweden und Briten bezeichneten den 162 kW/220 PS freisetzenden und 240 km/h schnellen Audi 200 Avant 20V denn auch als Ferrari für Familien. Gekauft wurde zwar überwiegend der preiswertere 100 Avant, Kultstatus errang die Avant-Familie aber durch die Faszination des Über-Avant mit quattro-Allradantrieb, Fünfzylinder-Turbo und Vierventil-Technik. Zu weit seiner Zeit voraus fuhr dagegen der Audi duo, eine Hybridversion des 100 Avant, die Audi auf der IAA 1989 vorstellte. Auch ein zweiter Audi duo schlug 1996 nicht ein, obwohl er diesmal auf dem kleineren A4 Avant basierte und als erstes Hybridauto noch vor dem Toyota Prius in den Handel kam.

Der Nimbus von Audi als Premiumanbieter war inzwischen so gefestigt, dass sich die Ingolstädter Produktstrategen an weitere spannende Superlative wagten. Edle Kombis wurden in den 1990er Jahren endgültig zur Pflicht für alle Premiummarken, schnelle Sporttransporter die Kür. Das allererste 340 PS Kraftpaket, das die Kinder mit abgeregelten 250 km/h zum Fußball oder Musikunterricht chauffierte war 1992 der BMW M5. Als sich vier Jahre später der Mercedes-Benz E60 AMG T mit 280 kW/381 PS starkem 6,0-Liter-V8 zum neuen Speedmaster mit Heckklappe aufschwingen wollte, konterte der Audi S6 plus Avant aus dem Kraftstudio der quattro GmbH mit einem 240 kW/326 PS freisetzenden 4,2-Liter-V8. Im Vergleich zum Benz war der Audi-V8 ein Downsizing-Aggregat, das den Allrad-Avant jedoch in 5,7 Sekunden aus dem Stand auf Tempo 100 katapultierte.

Endgültig fixieren, wer in Sachen Speed die Spitze markiert, sollten im neuen Jahrtausend mehrere Generationen des Audi RS6 Avant. Darunter werksseitige Kombis mit bis zu 426 kW/580 PS Leistung und 305 km/h Vmax und ein 730-PS-Geschoss namens MTM-Audi RS6 R, das 2009 in Nardo mit 344,2 km/h gemessen wurde – Kombi-Rekord! Aber auch die schnellsten Diesel-Kombi der Welt nahmen die Ingolstädter ins Programm. Stellvertretend für eine ganze Serie sei hier der A6 Avant 3.0 TDI Biturbo mit 230 kW/313 PS genannt, der 2011 den nominell gleich starken BMW 535d Touring im Sprint hinter sich ließ. Ein Jahr später erneuerte der Audi A6 einen anderen Triumph, den der Businessliner erstmals 2005 erzielt hatte: Platz eins im Verkaufsranking seiner Klasse vor den Erzrivalen aus Stuttgart und München.

Variabilität in verführerischer Verpackung, das können die Audi-Konstrukteure seit 1992 auch in der Mittelklasse. Damals verblüffte der neue Audi 80 Avant mit sportivem Trimm und wenig später als RS2 mit 232 kW/315 PS. Hinzu kamen die geringsten Karosseriespaltmaße des Segments, denn Qualität wurde unter Ferdinand Piech großgeschrieben. Aber auch die niedrigsten Normverbrauchswerte mussten Piechs Diesel bieten. Selbst wenn CO2– und Stickoxidemissionen damals noch kein Thema waren, sollte der 80 Avant TDI das Tankbudget von Vielfahrern schonen. Mit 4,1 Liter Diesel auf 100 Kilometer unterbot der Audi 80 deshalb nicht nur den BMW 3er Touring oder Ford Mondeo Turnier um über 20 Prozent, er setzte einen automobilen Bestwert, denn knauseriger waren nicht einmal Kleinwagen.

Nachdem der Audi A4 Avant die große Heckklappe zu einem noch gefragteren Hingucker gemacht hatte, testete Audi im Jahr 2001 den Vorstoß in die höchste Luxusklasse. Die 5,06 Meter lange Studie Avantissimo war ein Star der Frankfurter IAA, aber sie blieb, ebenso das 2015 enthüllte Showcar Audi prologue Avant, nur schöner Schein. Es gibt also auch nach 40 Jahren noch Neuland zu befahren für die Kombis mit den Ringen.

Text: Wolfram Nickel/SP-X
Fotos: Audi/SP-X