Citroën: 40 Jahre LN/30 Jahre AX

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Die großen gallischen Klassiker kennt jeder. Egal, ob Traction Avant, modernistischer XM oder minimalistischer 2CV, diese Citroën sind Kult. Ganz anders die charmanten Cityflitzer LN und AX, die überwiegend längst vergessen sind. Dabei feierte der Citroën AX vor 30 Jahren ein spektakuläres Debüt, das per Werbefilm um die Welt ging und noch heute Klicks im Internet sammelt. Das nur 645 Kilogramm wiegende französische Federgewicht verblüffte damals durch eine akrobatische anmutende Fahrt auf der Chinesischen Mauer und kündigte so den frühzeitigen Sprung von Citroën auf den heute größten Markt der Welt an.

Nicht weniger zukunftsweisend war eine elektrifizierte Version dieses rund 2,5 Millionen Mal verkauften Citroën: Als AX Electrique brachte der Kleinwagen den Batterieantrieb in Serie – Jahre bevor bei den meisten Wettbewerbern der Funke übersprang. Diese Wegmarken konnte der AX setzen, weil der Citroën LN dafür ab 1976 den Boden bereitet hatte. Damals kam die finanziell malade Marke Citroën unter das Dach des Peugeot Konzerns und als erstes Kind dieser Ehe entspross der Sparzwerg Citroën LN. Ein 3,38 Meter kurzer Winzling, der erkennbar vom Peugeot 104 C abstammte, und deshalb nur Achtungserfolge erzielen konnte. Immerhin passte der LN als erstem Citroën-Zweizylinder selbst in Paris fast jede Parklücke.

Letzte Chance Peugeot. Die traditionsreiche Löwenmarke musste vor 40 Jahren den innovationsverliebten und verlustbringenden Konkurrenten Citroën übernehmen, eine Entscheidung, die nicht ohne nationalen politischen Druck erfolgte. Nur so konnte Citroën überleben und durch Synergien in Rekordzeit seine Modellpalette erweitern, wie bereits der im selben Jahr vorgestellte Cityflitzer Citroën LN bewies. Eigentlich hatten bereits 1972 Jahre die Prototypen Urbain I und Mini-Zup einen Ausblick auf kommende ultrakompakte Zweisitzer im Zeichen des Doppelwinkels gegeben, aber dann fehlte es Citroën an Geld zur Realisierung. Jetzt musste es der LN richten. Dieser startete als kostengünstiger Peugeot-104-Klon gegen Minis à la Renault 5, Fiat 127 und VW Polo, bot aber auch den Käufern des hochbetagten 2CV eine moderne Alternative.

Dazu packten die Franzosen den frugalen Boxermotor des 2CV in die Steilheck-Karosserie des dreitürigen Lifestylemodells Peugeot 104 Z und verzichteten auf dessen luxuriös angehauchte Ausstattungsattribute. Tatsächlich kostete der Zweizylinder-Citroën dadurch ein Drittel weniger als sein Zwillingsbruder von Peugeot. Was nichts daran änderte, dass der LN kaum billiger war als die flottere Vierzylinder-Konkurrenz von Fiat & Co. Zu viel Geld für ein Auto, das es an der Citroën-typischen Exzentrik fehlen ließ, fanden viele Kleinwagenfans und belohnten nicht einmal die damals rekordverdächtigen Knausertalente des LN, der in Tests unter fünf Liter auf 100 Kilometer konsumierte.

Nur wenig besser erging es dem sogenannten Spatz aus Paris als facegeliftetem LNA mit kräftigem Vierzylinder (ab 1978) und mit eleganten Sondermodellen wie LNA Cannelle und LNA Prisu (ab 1984). Ein Megaseller und „Auto für alle“, so wie es dem visionären Unternehmensgründer André Citroën stets vorschwebte, wurde erst der 1986 enthüllte Citroën AX. Dieses extravagante Dreieinhalb-Meter-Modell avancierte zum meistgebauten Citroën aller Zeiten nach dem 2CV. Fast schon nebenbei gelang dem elegant geformten Aerodynamiker – der cw-Wert 0,31 bedeutete Klassenbestwert – etwas, woran zuvor fünf andere Citroën-Modelle gescheitert waren: Den 2CV zu ersetzen. Als die mittlerweile über 40 Jahre alte Ente 1990 in den Ruhestand geschickt wurde, war der erfolgreiche AX schon Produktionsmillionär.

Mit „Bonjour jeunesse“ begrüßten die Medien den AX, brachte der jüngste Citroën doch eine erfrischende Typenvielfalt, die damals in der Kleinwagenwelt einzigartig war. Zwei Karosserien (Drei- und Fünftürer), mehrere Benziner und Diesel, optionaler Allradantrieb, ein starker GTI, aber auch eine alternative Elektroversion boten eine Auswahl, die den AX nicht nur als Stadtauto, sondern sogar als preiswerten Erstwagen positionierten. Billig war der AX auch in den laufenden Unterhaltskosten.

Der 1,4-Liter-Diesel brachte es sogar zu einem Eintrag im Guinness Buch der Rekorde als er sich 1989 bei einer Langstreckenfahrt vom englischen Dover nach Barcelona mit einem Durchschnittsverbrauch von 2,7 Litern auf 100 Kilometer begnügte. Auch die Normverbrauchswerte setzen sogar nach heutigen Maßstäben Signale, so bezifferte Citroën 1992 den Dieselkonsum für den AX Diesel mit Michelin-Leichtlaufreifen und lang übersetztem Fünfgang-Getriebe auf nur 3,3 Liter pro 100 Kilometer. Effizienter war lediglich der AX Electrique, der mit 364 verkauften Einheiten die Nummer zwei unter den Elektro-Pkw-Pionieren war. Vorn lag übrigens der Konzernkollege Peugeot 106 Electrique, der sich dafür technische Komponenten mit dem AX teilte.

Zum angesagten Bad Boy der übermütigen GTI-Gang hatte der AX ebenfalls das Zeug. Zuerst setzte er im Zug des Werbefeldzugs „Les chevrons sauvages“ (Die wilden Winkel) auf einen chinesischen Jungen in Uniform als Marketingbotschafter. Dann stiftete der in strahlendem meijeweiß eingekleidete AX Sport Unruhe unter Yuppies und Besserverdienenden. Genügten dem 715 Kilogramm leichten Floh doch gerade einmal 69 kW/95 PS, um ab 1987 dem Golf GTI und mancher Mercedes S-Klasse beim Sprint auf Tempo die dicken Schweller zu zeigen. Vier Jahre später wurde aus dem AX Sport der AX GTi, der mit 75 kW/101 PS protzte – und nur nominell einen kleinen Respektabstand zum Konzernkonkurrenten Peugeot 205 GTI wahrte. Damit nicht genug gab es auch noch Spaßmaschinen für die sportlichsten Momente: In der Rennserie Challenge AX Sport konnten Kunden und Mitarbeiter gegeneinander antreten. Gekrönt wurde die Rennkarriere des AX Sport durch eine Frau. Christine Driano gewann 1989 zum zweiten Mal in Folge den Titel der französischen Rallyemeisterin.

In den Zulassungsstatistiken waren es ebenfalls die Frauen, die den AX nach vorn fuhren. Unverschämt gute Autokäufer für ein unverschämt gutes Auto, wie die Citroën-Werbung den hohen Damenanteil erläuterte. Etwa „Daniela K., 28, München… Als leidenschaftlicher Großstadtmensch immer in Eile, besonders während der Rushhour. Fährt deshalb ein Auto, das so temperamentvoll ist wie sie…“. Andererseits faszinierte der flinke Gallier durch Haute Couture wie kaum ein anderer Mini jener Jahre. Mit extravaganten Sondermodellserien wie „En Vogue“ und „Air France Madame“ oder Concept Cars von Couturiers wie Heuliez überstrahlte der preiswerte Citroën sogar den italienischen Edel-Gigolo Lancia Y10 und feine Engländer wie Mini Park Lane oder Metro Mayfair. Deshalb ging der AX auch als Cabriolet in Serie, allerdings beim portugiesischen Karossier BB.

Freilich: Kein Licht ohne Schatten. Endlose Mängellisten in Gebrauchtwagenratgebern und bei Hauptuntersuchungen erklären, warum sich der bis 1998 gebaute AX nach der Vorstellung seines Nachfolgers Saxo so schnell aus dem Straßenbild verabschiedete.

Text: Spot Press Services/Wolfram Nickel
Fotos: Citroën/SP-X