Formel 1: Abschied vom saugenden Achtzylinder

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Mit dem „Großen Preis von Brasilien“ geht am kommenden Sonntag die Formel-1-Saison 2013 zu Ende. Die wichtigsten Entscheidungen der zu Ende gehenden Saison sind bereits gefallen: Red-Bull-Pilot Sebastian Vettel hat seinen Fahrertitel verteidigt, ebenso seine Mannschaft die Teamwertung. Das letzte Rennen der Saison bedeutet aber nicht nur den Abschied vom Rennzirkus für das nächste halbe Jahr, es bedeutet auch einen technischen Einschnitt. 2014 beginnt eine neue Ära der Antriebs-Aggregate. Zum letzten Mal wird am Sonntag in Sao Paulo mit V8-Saugmotoren gefahren. Ab 2014 werden die Formel-1-Boliden von turbo-aufgeladenen Sechszylinder-Motoren angetrieben.

Mit der Einführung der 1,6 Liter Sechszylindermotoren ab der Saison 2014 beginnt in der Königsklasse eine neue Zeitrechnung. Die Rückkehr der Turbos ist nicht ganz unumstritten. Denn schon die Formel-1-Ära der Turbo-Motoren in den 1980er Jahren brachte brachiale, mitunter kaum zu bändigende Aggregate zutage. Weit mehr als 1.000 Pferdestärken mussten damals die Herren Prost, Mansell oder Berger und Co. möglichst kontrolliert in ihren weit weniger sicheren Boliden als heute über den Zielstrich befördern. Mangels Elektronik entschied seinerzeit der Gasfuß des Fahrers.

„Mehr als einmal ist mir der Sprit in der letzten Runde ausgegangenen, weil wir uns einfach während des Rennens verkalkuliert hatten“, erinnert sich der vierfache Weltmeister Alain Prost. Der Franzose firmiert heute als Markenbotschafter des Hauses Renault, das unter anderem Sebastian Vettels Weltmeister-Auto mit einem „Herzen“ versieht. Renaults zuverlässiger 2,4 Liter großer, V8-Sauger war das mit Abstand erfolgreichste Triebwerk in der Achtzylinder-Geschichte der Formel 1.

Renault ist neben Ferrari und Mercedes-Benz einer von drei Motorenbauern, deren neu entwickelte Aggregate 2014 die Fahrzeuge der Königsklasse beatmen werden. 2015 wird mit Honda ein vierter Motorenbauer in die Formel 1 zurückkehren. Im englischen Brixworth (Mercedes AMG Powertrains), im italienischen Maranello (Ferrari) und im französischen Viry-Châtillon entstehen derzeit in der letzten Erprobungsphase die Herzstücke für die Formel-1-Boliden 2014. Es wird, und das klingt spektakulärer als es eigentlich ist, eine Saison „ohne Motoren“ werden. An deren Stelle wird eine so genannte „Power Unit“ im Fahrzeug verbaut. Diese besteht aus einem V6-Verbrennungsmotor mit limitierter Drehzahl (15.000 U /min), einem Turbolader mit maximal 12.500 rpm (Umdrehungen pro Minute) und dem neuen KERS-Ersatz. Ein zwei geteiltes Energierückgewinnungs-System (ERS) wird der neue Energiespeicher sein, den die Fahrer nach dem dann gültigen Reglement abrufen können.

Ziel ist eine Art „grüner Formel 1“. Weniger Spritverbrauch, geringere Emissionen, niedrigere Kosten, aber kein Leistungsverlust. 750 PS sollen die neuen „Power Units“ erzeugen, das wäre in etwa die gleiche Leistung, die auch die frei saugenden Achtzylinder erreicht haben. Das bedeutet, dass auch die Rundenzeiten auf den Formel-1-Kursen in etwa die gleichen blieben. “ Ziel ist es, die gleiche Performance wie bisher mit weniger Kraftstoffeinsatz zu erreichen“, schildert Andy Cowell, Geschäftsführer in Brixworth, den Anforderungskatalog.

2009 wurde das KERS-System erstmals eingeführt. Damit konnten die Fahrer per Knopfdruck für 6,7 Sekunden pro Runde 81 Zusatz-PS abrufen. Das neue ERS erschließt den Piloten neue Welten. Es stellt für 33,3 Sekunden pro Runde 163 Zusatz-PS zur Verfügung. Alain Prost jedenfalls sieht der neuen Ära und der Rückkehr des Turboladers in die Formel 1 mit Spannung entgegen. „Das System ist für Ingenieure und Fahrer eine große Herausforderung. Aber es könnte auch dazu führen, dass die Karten neu gemischt werden.“

Text: Jürgen C. Braun
Fotos: Ferrari, Renault, Mercedes-Benz

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