Buchtipp – Hans-Joachim Noack: Willy Brandt

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Neologismen, also neue Wortschöpfungen, haben bisweilen was Putziges. Politikverdrossenheit zum Beispiel, vulgo: Den Menschen geht das, was die Politiker(innen) tun, schon nicht mehr auf den Geist, sondern es geht an ihnen vorbei. Und sie begründen es oftmals damit, dass Unterschiede zwischen politischen Programmen, sofern vorhanden, allenfalls minimal seien. Und die Medien betrachten es schon als Sensation, wenn Plakate, die solche Programme wirkungsvoll präsentieren sollten, noch nicht mal wasserfest sind.

Der Unterschied zu der Zeit, in die Hans-Joachim Noack zurückführt, könnte kaum größer sein. Noack erinnert an einen Politiker, der im Dezember 100 Jahre alt geworden wäre und bis heute eine polarisierende Persönlichkeit geblieben ist. Jetzt wächst zusammen, was zusammen gehört, ist als Brandt-Zitat zum Mauerfall vielleicht sogar noch jüngeren Menschen in Erinnerung. Da hatte der damals fast 80-jährige SPD-Politiker freilich schon einiges hinter sich. Von der Opposition nicht nur als Bundeskanzler, sondern auch als Person aufs Heftigste bekämpft, als Regierender Bürgermeister von Berlin direkt vom Mauerbau betroffen, oftmals unter Kommunismusverdacht stehend (was schlicht meint: Diktaturen-Sympathisant), vom nicht minder charismatischen Rivalen Herbert Wehner in einem öffentlich ausgetragenen Wutanfall lächerlich gemacht (Der Herr badet gern lau, so in einem Schaumbad.), zugleich Motor einer modernisierten Gesellschaft, als Politiker immer weit mehr von den direkten Nachwirkungen des Nationalsozialismus betroffen, als man es sich heute vorstellen mag, durch die Enttarnung eines DDR-Spions im Kanzleramt schließlich zum Rücktritt als Bundeskanzler gleichsam gezwungen – der Untertitel Ein Leben, ein Jahrhundert ist keineswegs zu hoch gegriffen.

Nicht zu vergessen das Interesse von Boulevardmedien am Privatleben des als Charmeur gleichermaßen berühmt-berüchtigten Willy Brandt. Insbesondere seine letzte Ehefrau bekam gerne mal eine Extraportion Häme ab. Auch hier gilt: Der Unterschied zu heute, da sich allenfalls mal ein für medienwirksame Äußerungen bekannter Modeschöpfer in seinem Metier als Kanzlerinnenberater anbietet, könnte kaum größer sein.

So empfiehlt sich Noacks Brandt-Biographie insbesondere als Geschichtsbuch, und man es lohnt sich, genauer hinsehen, um die Aktualität dieses Geschichtsbuchs zu sehen – etwa wenn kurz vor der bevorstehenden Bundestagswahl tatsächlich die Alternative Freiheit oder Sozialismus diskutiert wird. Die relevanten Schlagzeilen und die damit verbundenen Ängste, Befürchtungen und Interessen scheinen – im Unterschied zu Brandts Zeiten – in die zweite Reihe gerückt zu sein.

Und wer das differenzierte Bild, das Noack hier sehr differenziert abgibt, ergänzen will, um es zu verdeutlichen – der sei auf die Kult-Serie Ein Herz und eine Seele hingewiesen, immer wieder im Fernsehen wiederholt, aber längst auch auf DVD zu haben. Wer die permanenten Ausfälle des Bonsai-Tyrannen Alfred Tetzlaff auf die SPD im Allgemeinen und die Person Brandt im Besonderen verfolgt, bekommt noch mal einen deutlicheren Blick auf die Zeiten, die hier beschrieben werden.

Hans-Joachim Noack: Willy Brandt. Ein Leben, ein Jahrhundert. Rowohlt Berlin Verlag; 19,95 Euro.

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