Porsche: Ein Sammler mit echter Leidenschaft

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Der Anfang der Geschichte klingt vertraut und hat sich wahrscheinlich in den letzten fünf Jahrzehnten zu tausenden wiederholt. Ein kleiner Junge begleitet seinen Vater auf eine Autoausstellung, sieht zum ersten Mal einen Porsche 911 und dekoriert danach sein Zimmer um: Die Poster aus der Bravo landen im Papierkorb, eines aus Stuttgart direkt über dem Bett und wenn es das Schicksal und seine künftigen Chefs gut mit ihm meinen, dann kann er sich das Auto später tatsächlich einmal leisten. In groß, und nicht nur als Modell.

Genau so war es auch bei Magnus Walker. „Es war die Motorshow im Earls Court in London“, erinnert sich der Brite, der mittlerweile in Los Angeles lebt. „Und das Auto, das es mir angetan hat, war ein 911 Turbo im Martini-Look“, beginnt er die verdächtig vertraute Geschichte vom kleinen Jungen und seiner Leidenschaft für große schnelle Autos. Doch an irgendeinem Punkt nimmt seine Story eine Wendung, die ihn aus der Gruppe der gewöhnlichen Schwärmer reißt. Denn Walker bleibt bei einem Ferienjob in Kalifornien hängen, entwirft Mode für Rockstars von Madonna bis Alice Cooper und macht mit Immobilien in Downtown Los Angeles so ein Vermögen, dass er sich mehr als den einen Porsche leisten kann. Viel mehr sogar.

„Irgendwann habe ich mir in den Kopf gesetzt, dass ich jeden Porsche haben muss – von 1964 bis 1973.“ Den 1973er muss er noch finden. Aber die schwierigste Aufgabe ist bereits geschafft: Der 1964er. „Davon wurden nur 232 gebaut, und lediglich von 59 weiß man sicher, dass sie überlebt haben“, sagt Walker. „Deshalb musste ich verdammt lange suchen, bis ich so einen hier in der Garage hatte“, sagt er und schaut ganz verliebt auf das graue Coupé, das gerade unter einer weißen Plane überwintert. „Erst dann konnte ich wieder ruhig schlafen.“ Das war der Grundstock für eine Sammlung, die seitdem wächst und wächst.

Mindestens ein Dutzend Stuttgarter Sportwagen stehen mittlerweile in seinem zu einer Mischung aus Luxusloft, Fernsehstudio, Filmkulisse, Werkstatt und Museum umgebauten Industriekomplex, der einen ganzen Straßenzug füllt. Und wie viel er zwischendurch noch dazu gekauft, wieder verkauft oder in einer der vielen Garagen auf seinem Grundstück geparkt hat, weiß er gar nicht so genau: „40 werden es sicher schon gewesen sein“, erzählt Walker.

Auch wenn seine Sammlung zu den besseren gehört, wäre er nur einer von vielen. Denn Porsche-Fans gibt es rund um die Welt, und manche davon haben sicher mehr PS-Pretiosen zusammen getragen als der Modemacher in seinem Luxusloft. Doch bei Walker faszinieren nicht nur die Porsches, sondern auch die Person. Schließlich trägt der Mann Dreadlocks bis zur Hüfte, der wirre Bart reicht ihm zum Bauch, an den Fingern trägt er mehr Ringe als Madonna und Keith Richards zusammen und man muss ihm schon genau auf die Arme schauen, wenn man einen Flecken ohne Tatoos finden will. „Wahrscheinlich würde mir in einem normalem Autohaus niemand einen Gebrauchtwagen abkaufen“, kokettiert Walker mit seinem Outfit, das er mittlerweile sogar zum Modelabel erkoren hat: „Urban Outlaw“ heißt seine neue Linie und um sie zu promoten, hat er eigens ein Video ins Internet gestellt. In dem geht es allerdings weniger um Shirts und Hosen, als um seinen Lieblings-Elfer, mit dem er dafür kreuz und quer durch die Stadt und die Hollywood Hills gejagt ist und so auch auf Youtube zum Star wurde.

Aber Walker ist mit seinem Spleen für Speed nicht alleine. Wenn er im Morgengrauen mit seinen PS-Pretiosen über die Freeways röhrt, trifft er bisweilen auf einen Landsmann, der ganz ähnliches im Sinn hat: Rob Dickinson. Auch er kommt aus England. Auch er ist irgendwie in Los Angeles hängen geblieben. Auch er ist eigentlich eher im Showgeschäft als in der Autobranche zuhause. Schließlich weist ihn Google erst einmal als Singer und Songwriter und dann als Sportwagenspezialist aus. Und auch er hat sein Herz an den Elfer verloren. Doch während Walker seine Sammlung vor allem zum Selbstzweck betreibt und nur gelegentlich mal ein Auto verkauft, hat Dickinson seine Leidenschaft in den Dienst anderer gestellt und die Firma „Singer“ gegründet. Mit einem kleinen Team von Spezialisten baut er vor den Toren der Traummetropole die vielleicht besten Porsche, die man jenseits von Zuffenhausen kaufen kann.

Dummerweise gibt er dabei kaum einen Cent auf die Authentizität und bedient sich munter in allen Generationen des Elfers: „Wir nehmen aus der gesamten Modellgeschichte die besten Komponenten und haben diese wo nötig sogar noch einmal weiterentwickelt“, sagt Dickinson. Der Grundstock ist immer ein 964er, der von 1988 bis 1994 gebaut und als vielleicht bester Elfer aus der Ära der luftgekühlten Boxer-Motoren gilt. Viel bleibt davon allerdings nicht übrig. „Denn eigentlich brauchen wir nur noch die Türen und die Fahrgestellnummer“, erzählt Dickinson. Über einen weitgehend neuen und gründlich verstärkten Rahmen stülpt die Singer-Truppe dann eine Karosserie aus Karbon. Es gibt ein liebevolles Interieur mit dem Design von gestern und der Elektronik von heute. Und unter dem im Stil des Entenbürzels gezeichneten Heckspoiler kreischt ein Boxer-Motor, den Singer bei Cosworth in England auf Vordermann bringen lässt und mit vielen Bauteilen aus den Rennmotoren von Porsche veredelt. Deshalb dreht der 3,8 Liter große Sechszylinder jetzt weit über 10.000 Touren, bringt es auf bis zu 350 PS und hat mit dem um 200 Kilo abgespeckten Retro-Renner buchstäblich leichtes Spiel.

Ausprobieren will man das bei der Stippvisite in Sun Valley aber lieber nicht. Denn das Auto ist bereits an einen Kunden aus Indonesien verkauft. Und für die 4.000 Stunden Arbeit und die vielen Spezialteile, die darin stecken, will ihm Dickinson etwa 450.000 Dollar berechnen. Außerdem liegt die Lieferfrist bei rund einem Jahr und mehr als 30 Autos will Dickinson ohnehin nicht bauen. Da lässt man es bei der Fotofahrt dann doch ein bisschen langsamer angehen.

Natürlich weiß Dickinson, dass er nicht nur Fans in aller Welt und vor allem in Europa hat, die sich seine einzigartigen Autos ein kleines Vermögen kosten lassen. Er hat gelernt, dass manche seine Umbauten für ein Sakrileg halten und über ihn genauso herziehen wie über seinen zotteligen Landsmann Walker. Auch der bastelt nämlich ziemlich freizügig an seinen Porsches, hat für einen der Elfer schon mal einen vom 356er inspirierten Heckdeckel entwickelt hat, zwecks Leichtbau die Türgriffe perforiert oder die Motoren getunt. Aber beide sehen das mit der amerikanischen Lässigkeit, die ihnen nach ihrer Zeit in Kalifornien mittlerweile eigen ist: „Alles, was Du mit einem Porsche machst, ist in Ordnung – so lange du Spaß mit dem Auto hast.“

Text und Fotos: Spot Press Services/Benjamin Bessinger

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