Buchtipp der Woche

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Gudrun Jung-Jacob: Gerichte von dahemm. Geistkirch Verlag; 22 Euro.

Mal ganz ehrlich: Woran denken Sie, wenn Sie nach saarländischen Spezialitäten gefragt werden? Jetzt mal nicht nach Nicole, Cindy & Bert oder Heinz Becker, sondern nach Kulinarischem. Der Dibbelabbes fällt Ihnen vielleicht ein, richtig? Jener überdimensionale Kartoffelpuffer, der es als Traditionsgericht zwischen Perl und Homburg inzwischen durchaus zu bundesweiter Popularität gebracht hat. Aber sonst?

Klare Antwort: Jede Menge! Vieles, was richtig gut schmeckt, bereitet der erfahrene Küchenchef oder die Küchenchefin im saarländischen Haushalt allerdings nach Augenmaß zu, wiegt selten ab, sondern verlässt sich auf Augen und Gefühl und nimmt als Messinstrumente höchstens hiervon einen guten Schuss, davon eine kräftige Portion und von diesem oder jenem Gewürz nur ein ganz klein wenig. Aber wie soll das jemand nachkochen, der das noch nie getan hat?

Diese Frage stellten sich Gudrun Jung-Jacobs Kinder, als sie, den Kinderschuhen entwachsen, kurz vorm ersten eigenen Haushalt standen. Was lag näher, als die Mutter ums Aufschreiben all jener Gerichte zu bitten, die man über Jahrzehnte mit Vergnügen aß? Der Mutter Hauptarbeit bestand nun darin, das lang erprobte Augenmaß in verbindliche Einheiten und nachvollziehbare Schritte zu übersetzen.

Das Ergebnis kann sich sehen lassen und ist – einem engagierten saarländischen Verlag sei Dank – jetzt bundesweit zu haben. Übrigens auch jenseits des Saarlandes in jeder Buchhandlung über Nacht zu bestellen, wenn nicht vorrätig.

Man erfährt aber nicht nur, wie die schmackhaften Alltagsgerichte zubereitet werden und warum z. B. die Kartoffel darin eine große Rolle spielt: Sie wird gekocht, nach dem Kochen geröstet oder roh gebraten, zu verschiedenen Klößen geformt, und das alles ergibt mit einem Salat eine vollständige Mahlzeit. Ganz einfach: Kartoffeln sind nicht teuer, sie halle widder (für Nichtsaarländer: sie sättigen sehr) – wichtig, wenn der große Haushalt eher mit wenig Geld auskommen muss und viele Personen schmackhaft gesättigt werden sollen. So war das jedenfalls früher, als die Familien noch größer waren als heute, und aus dieser Zeit stammen die meisten Rezepte. Süffisant merkt die Autorin zu Recht an, dass manche Abwandlung davon sich auf den Speisekarten nobler Restaurants findet, von Gudrun Jung-Jacob wenig schmeichelhaft, aber völlig korrekt als Kartoffelfürzchen bezeichnet.

Aber es geht natürlich auch üppiger: Wenn man die erwähnten Klöße etwa füllt, mit Hackfleisch und/oder Leberwurst und – ganz traditionell – Speck-Rahm-Sauce und Sauerkraut oder Salat dazu reicht, dann wird man kaum mehr als eines der runden Erzeugnisse schaffen, deren Herstellung nicht viel Geld, aber umso mehr Zeit, Geduld und Sorgfalt erfordert. Fleisch kann hingegen schon mal eher ins Geld gehen, das spiegeln die Rezepte, die eher für festliche Anlässe als für den Alltag gedacht sind. Auch das gehört dazu – dass es für solche Anlässe schon mal etwas teurer sein darf. Ach so, ja – Süßschnäbel kommen natürlich gleichfalls auf ihre Kosten. Und dass ich ein mit Zwetschgen belegter und abgebackener Hefeteig als Quetschekuuche nicht nur mit Schlagsahne, sondern auch als Mittagsgericht mit dicker Kartoffelsuppe (Grumbeersupp) verträgt, ist im Saarbrücker Raum seit langem bekannt, lohnt aber auch jenseits der Saar-Hauptstadt einen Versuch.

Schließlich spart Gudrun Jung-Jacob auch nicht mit Informationen zum saarländischen Alltag. Wir erfahren etwa, was ein Hasenbrot ist, was man aus einem Sterzje alles machen kann, und warum die bundesweit bekannte Fleischwurst hier der Lyoner heißt, also anders benannt wird und auch noch eine sprachliche Geschlechtsumwandlung mitmacht.

Ein solides Kochbuch, das schön zu lesen ist, Lust aufs Nachkochen macht und durch klare Anleitungen das Nachkochen nicht allzu schwer macht. Vor allem aber ein Buch ohne Sperenzchen, also ohne den Versuch, möglichst wenig Lebensmittel möglichst dekorativ auf einem Teller zu platzieren, um damit Eindruck zu schinden. Nicht zuletzt ein Buch, das dem Lauf der Jahreszeiten folgt und sich nach dem richtet, was die Saison bietet. Erdbeeren im Januar sind doch, seien wir mal ehrlich, ein Unding. Last but not least sei auf die besondere Machart hingewiesen: Mit stabiler Spiralbindung lässt sich Gerichte von dahemm beim Nachkochen problemlos umblättern, ist also ein echter Begleiter im Alltag. Aber wahrscheinlich werden Ihnen die Gerichte, die Sie bsonders mögen, sowieso nach und nach ins Gefühl übergehen. Dann kochen Sie, wie Gudrun Jung-Jacob, auch nach diesem Gefühl. Und Gerichte von dahemm bekommt einen Ehrenplatz im Bücherregal.

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