Buchtipp der Woche (1)

Foto 1

Kai Twilfer: Schantall, tu ma die Omma winken!
Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag; 9,95 Euro.
„Was haben Sie denn nach Ihrem Schulabbruch bisher beruflich so gemacht, Frau Pröllmann?“ „Na, wat so ging. Sonnenbänke im Studio desifieziert. Anne Mandelbude Tüten voll gemacht und Komparsin in Lloret.“

Schantall Pröllmann ist nicht zu beneiden. An der Realschule gescheitert, in den genannten Tätigkeiten wenigstens nicht, aber letzteres hilft ihr bei der Jobsuche keineswegs. Ein Praktikum im Friseursalon scheitert gleich an zwei Mißgeschicken auf einmal, das versuchsweise Regale-Einräumen beendet die Filialleitung des Supermarkts auch recht schnell. Kurzum, wir befinden uns mitten im Leben einer Familie jenes Typs, die man heute vornehm mit bildungsfern, weniger vornehm mit proll – ohne Ö wie Pröllmann – bezeichnet.

Kai Twilfer liefert eine rasante Satire über diese – fiktive – Familie. Die sich freilich im Grunde, wie der Autor bekennt, aus Erzählungen eines befreundeten Sozialarbeiters speist. Das Verblüffendste an dieser Familie ist: Alle sind sie in sich glücklich, irgendwie. Und alle sind nicht so begeistert, als ihnen Sozialarbeiter Jochen zur Seite gestellt wird. Jochen wiederum fällt aus dem vergleichsweise beschaulichen Dasein in einer Kultureinrichtung mit der neuen Aufgabe in eine sehr harte Realität.

Bildung ist in dieser Realität ein Fremdwort, Arbeit an sich allerdings auch. Und allen ist es recht – der Familienvater (von Gattin Hildegard gerne mit Meingottgünther angesprochen) übt sich im Extremcouching und im Verzehr alkoholischer Getränke, Sohn Jason liebt vor allem Autos, die keine Hauptuntersuchung überstehen dürften, Schantalls bevorzugte Aufmerksamkeit gilt dem regelmäßigen Nachziehen des Lidstrichs und dem ebenso regelmäßigen Shoppen mit Busenfreundin Cheyenne, und Schantalls Filius Dschastin ist auch schon – fast – ganz die Mama.

Ob Mutter Hildegard auf der Kirmes für 197 Euro Lose kauft, bis sie endlich den ersehnten Ficus benjamini gewinnt, Tochter Schantall sich in Dschastins Erziehung bemüht oder in Fitnesstrainer Cedrik einen potentiellen Lebensabschnittspartner zu erkennen glaubt, es ist zum Schreien komisch. Das Beruhigende daran: Es ist nur eine gute Satire. Das weniger Beruhigende daran: Dies Buch hat, wie jede gute Satire, einen wahren Kern.

So kann man zwischen den Zeilen gut und gerne lesen: Liebe Politiker, stellt doch endlich mal wieder den Wert von Bildung und Ausbildung GLAUBHAFT heraus. Und den Wert von Anstrengung als solcher gleich mit. Dem Rezensenten gab seine Mutter anlässlich eines gründlich misslungenen Halbjahreszeugnisses vor vielen Jahren den Satz auf den Weg: Wer nichts lernt, bleibt dumm, und wer dumm bleibt, ist lebenslang dumm dran. Der Satz verhinderte nicht nur die drohende Ehrenrunde, sondern wirkte erfolgreich nach. Bis heute. Das würde man Schantall und Dschastin (und all ihren realen Vorbildern) im Guten wünschen.

Scroll to Top