Buchtipp der Woche

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Caroline Tiger: Benimm dich! Ein moderner Ratgeber für angesagte Manieren. Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag; 10 Euro.

Kennen Sie das? Sie versuchen, beim Discounter Ihren Einkaufswagen in Richtung so spektakulärer Verbrauchsgüter wie Butter und Frischkäse zu schieben – und müssen irgendwie an einem anderen Einkaufswagen vorbei, den ein Zeitgenosse treffischer mittig im Gang abgestellt hat, während er (oder sie) selbst grad ganz woanders nach einem Exemplar in passender Größe von diesen sagenhaft gnüstrigen Pyjamas in Biobaumwolle sucht. Aber wie soll man das schaffen, ohne das bis obenhin gefüllte Monstrum nicht selbst irgendwo anders hin zu schieben, was für einen anderen widerum eine verzweifelte Suchaktion nach sich zieht, wenn der begehrte Pyjiama erst mal gefunden ist.

Oder: Sie fragen sich zum x-ten Mal, warum Sie jemand in seinem Internet-Gesichterbuch als Freund gewinnen wollte, den Sie überhaupt nicht kennen, noch nicht mal von einer kurzen Begegnung vor 25 Jahren, als Sie im Studentenwohnheim diese sagenhafte Feuerzangenbowle-Adventsfeier hatten? Nee, da will jemand Ihr Freund sein, der allenfalls von Ihnen weiß, in welchem Jahr Sie geboren sind, weil er mehr auf Ihrer Gesichter-Seite gar nicht findet. Über die regelmäßig aktualisierten Hinweise Ihres besten Freundes auf derselben Plattform, wenn es um Zeitungsartikel oder Skurriles aus aller Welt geht, freuen Sie sich hingegen jedes Mal.

Der tägliche Einkauf, die sozialen Netzwerke, die reale Arbeitswelt, aber auch Privatleben, Urlaubsgestaltung und das Wohnen unter Nachbarn, kurz: unser ganzes Leben wird von Situationen bestimmt, in denen Benehmen erforderlich ist. Oder, sagen wir mal vorischtiger, wünschenswert wäre, denn wie die obigen Beispiele zeigen, kommt man ja auch ohne Benehmen oft genug vorzüglich aus. Jedenfalls so lange, bis diejenigen, auf deren Kosten das geht, sich wehren – sei's nun gegen den krassen Egoismus oder die Gedankenlosigkeit, die dem Verhalten zugrunde liegt. Entscheidend ist nicht, wovon das kommt, sondern was das Verhalten anderen an Konsequenzen zumutet.

Caroline Tiger zeigt eine Fülle von Alltagssituationen auf, die Fallstricke in Sachen Benimm bereithalten. Sie zeigt aber auch, wie man's besser machen oder sich effektvoll wehren kann, ohne selbst beidbeinig in einen Fettnapf zu springen.

Der ganz entscheidende Erkenntnisgewinn dabei: Benimm ist alles andere als ein alter Hut. Erst reicht nicht mein gutes Benehmen das Beherrschen eines Codes, um als fein zu gelten, so wie das früher die lebenslang ledig gebliebene Großtante der Familie vormachte, wenn sie bei gelegentlich unvermeidlichen Besuchen allen Answesenden mit Weisheiten auf den Geist ging wie jener, nach der man ein Ei nicht mit dem Messer köpfen darf und so weiter. Nein, das Leben hat sich seit der Benehmensregeln jener Großtante entscheidend verändert. Menschen leben oft auf engem Raum miteinander, teilen sich knappen Park- und Wohnraum in Großstädten, müssen ihren Haushalt in knapp bemessener Freizeit bewältigen und mit ihrer Zeit haushalten. Das betrifft nicht zuletzt die Autofahrer, die bisweilen einem enormen Stress ausgesetzt sind. Da wird dann das Benehmen, wie es Caroline Tiger definiert, tatsächlich zum Muss – und nicht zur rein formalen Etikette es vermeintlichen Fein-Seins.

Der Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag hat mit Benimm dich nicht nur einen vorzüglichen Ratgeber herausgebracht, sondern ihn mit handlichem Format, festem Einband und Lesebändchen ausgestattet. Damit zeigt sich das Buch für den Alltag gerüstet, weil es auch nach häufigem Benutzen seine Form behalten und über lange Zeit der Leserschaft (und deren Mitmenschen – jedenfalls indirekt) gute Dienste leisten wird.

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