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Kaum ein anderer europäischer Hersteller hat eine so wechselvolle Vergangenheit wie die spanische Marke Seat, die in diesen Wochen das 60. Unternehmensjubiläum und zugleich den 40. Jahrestag in Deutschland feiert. Mit biederen Fiat-Lizenzbauten und emotionalen Sportwagen eigener Entwicklung gelang Seat der Aufstieg in die Top Ten der größten europäischen Automobilhersteller – bis 1980 die Ehe zwischen Spaniern und Italienern geschieden wurde. Seats Retter in der Not wurde Volkswagen: Als Teil der Konzern-Markengruppe Audi und Lamborghini fanden die Iberier zurück zu altem Feuer, was heute allerdings frisch geschürt werden muss. Mit einer markanten Mischung aus spanischer Emoción und wohldosierter Alltagskost.

Begonnen hatte alles am 9. Mai 1950 mit der Gründung der „Sociedad Espanola de Automóviles de Turismo S.A“, kurz Seat. Ein symbolträchtiges Datum, wurde doch am gleichen Tag die Europäische Union aus der Taufe gehoben. An Exporte dachten die Seat-Gründer, also die staatliche INI (Institución Nacional de Industria), sechs Banken und der italienische Fiat-Konzern, anfangs aber wohl genau so wenig wie der damalige Staatschef und Diktator Franco an eine Mitgliedschaft in der EU. Unternehmensziel war vor allem die schnelle Motorisierung Spaniens. Drei Jahre später rollte dann auch die erste Limousine in Fiat-Lizenz, ein Seat 1400 A, vom Band im neu erbauten Werk Zona Franca in Barcelona. Zusammen mit seinem Nachfolger in modischem Trapezdesign, dem 1959 vorgestellten Seat 1500, bestimmte er rasch das städtische Straßenbild als allgegenwärtiges Taxi, Behördenfahrzeug und Statussymbol für die wohlhabende Mittelschicht.

Die Aufgabe des Volksautos übernahm dagegen ab 1957 der Seat 600 mit Heckmotor. Abgeleitet vom gleichnamigen Fiat-Kleinwagen war der Seat 600 für die meisten Spanier fast zwei Jahrzehnte lang das Symbol für Mobilität und Freiheit. Moderaten wirtschaftlichen Aufschwung verkörperten ab 1963 die ersten Eigenentwicklungen des größten spanischen Automobilherstellers: Während der Kleintransporter Seat 600 Furgoneta Comercial Handwerker und Händler motorisierte, waren die Kleinwagen Seat 600 D Sedan und Seat 800 verlängerte, viertürige Varianten des bekannten Kleinwagens. Wie damals fast überall in Südeuropa vermittelten viertürige Karosserien auch in Spanien bereits einen Hauch Prestige. Genauso wenig fehlen durften aufregende Cabrios und Coupés. So leiteten die Seat-Modelle 1400 Spider Serra und 750 Sport schon ab 1955 die emotionale Emanzipation von der italienischen Übermutter ein. 20 Jahre später setzten die Eigenentwicklungen Seat 1200 und 1430 Sport ein endgültiges Signal in diese Richtung. Die Sportcoupés mit mattschwarzer „Bocanegra“-Kunststoffnase standen in unmittelbarem Wettbewerb zu der zeitgleich lancierten Fiat-Berlinetta-Lizenz Seat 128 3P, waren dieser aber nur in den Stückzahlen unterlegen. Denn mit den scharfen 1200 und 1430 Sport startete der Seat-Vertrieb unter eigenem Logo in mehreren europäischen Ländern, so auch 1977 in Deutschland. Bis dahin mussten sich die meisten für den Export bestimmten Seat mit einem Fiat-Zeichen tarnen. So auch der Seat 600 D, der vor 40 Jahren unter der Bezeichnung Fiat 770 S ins Programm von Fiat Deutschland aufgenommen wurde. Ebenso erging es weiteren Modellen wie etwa ab 1975 den Kleinwagen Seat 133 und Seat 127 viertürig, die hierzulande als Fiat-Modelle verkauft wurden.

In jenen Jahren schien das Wachstum grenzenlos. In Spanien übernahm Seat das Werk des Konkurrenten Authi und in Europa avancierte Seat mit fast einer Milliarde Dollar Umsatz zum achtgrößten Automobilhersteller. Dann passierte das Unvorstellbare: 1980 entschloss sich der Fiat-Konzern Seats Kapitalerhöhungspläne zur Finanzierung einer ehrgeizigen Restrukturierung nicht mitzutragen. Nur ein Jahr später verkauften die Italiener ihre Anteile zum symbolischen Preis von einer Pesete an die staatliche INI, die dadurch mit 95 Prozent Hauptanteilseigner wurde. Seat stürzte in eine schwere Krise, war man doch gezwungen in kürzester Zeit eine komplett eigenständige Produktpalette aufzubauen und für die Entwicklung im Exportgeschäft einen Kooperationspartner zu finden.

Zum Sanierer wurde der Volkswagen-Konzern, mit dem die Spanier 1982 einen Kooperationsvertrag schlossen. Der endgültige Zusammenschluss erfolgte 1986 und seit 1990 hält Volkswagen hundert Prozent des Seat-Firmenkapitals. Der letzte Abkömmling aus Fiat-Zeiten, der Seat Marbella (Fiat Panda), rollte aber erst 1998 vom Band. Auf eigenen Rädern steht Seat jedoch schon seit 1984, wenngleich mit Entwicklungshilfe von Porsche (Motor), Karmann (Fahrgastzelle und Produktionsanlauf) sowie Giugario (Design): Der Ibiza ist das erste Modell dieser neuen Ära. Bis heute ist der Kleinwagen das wichtigste Standbein des Unternehmens.

Wie schon einmal schien es unaufhörlich aufwärts zu gehen. Internationale Markterfolge mit immer attraktiveren Modellen wie Toledo und Léon, schwarze Zahlen in der Bilanz, ein neues Werk in Martorell – westlich von Barcelona, Titelgewinne im Motorsport und ein neuer Markenslogan „Seat auto emoción“, der zum zeitgleich gezündeten Feuerwerk aufregender Concept Cars passte. 2002 wurde Seat dann im Volkswagen-Konzern der Audi-Markengruppe zugeordnet, zu der auch Lamborghini zählt. Seitdem hieß es jedoch: Quo vadis, Seat? Die Markenausrichtung schwankte zwischen Alfa-Rivale, Audi und Škoda. Die automobile Alltagskost von Kleinwagen wie dem Arosa oder Transportern wie dem Inca und auch die klassischen Taxi- und Flottenfahrzeuge der ersten Toledo-Generationen wurden aufgegeben. Marktanteile und Rendite gingen verloren und das Markenprofil blieb trotz aufregender Cupra-Modelle unscharf. Erst jetzt zum 60. Geburtstag scheint die spanische Traditionsmarke ihre Position zu finden. Zurück zu den Ursprüngen lautet die Devise. Mit der Wiederbelebung der letzten Audi-A4-Generation als Seat Exeo und praktischen Kombis wie Exeo ST und Ibiza ST wollen die Spanier das Flotten- und Alltagsgeschäft zurückgewinnen, während feurige Cupra- und Bocanegra-Modelle, aber auch Studien wie der IBE Emotionen wecken sollen. Das Feuer in Brand zu halten, wird in den nächsten Jahren aber wohl das Schwierigste sein.

Text: Spot Press Services/wn
Fotos: Spot Press Services, Seat

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