Buchtipp der Woche (1)

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Richard Thiess: Mordkommission. Wenn das Grauen zum Alltag wird. Deutscher Taschenbuch Verlag (dtv); 14,90 Euro.

Im Fernsehen dauert es – je nach Filmlänge – 60 bis 90 Minuten, um nach einem Tötungsdelikt den Täter zu entlarven und festzunehmen. Die Ermittlungen gestalten sich mehr oder minder spektakulär, je nachdem, wie es das Drehbuch (vor)schreibt.

Die Mordkommission im wirklichen Leben, man ahnt es, geht doch etwas anders vor. Wie, das berichtet Richard Thiess in diesem Buch: Seit rund 10 Jahren muss er mit seinem Team ermitteln, wenn jemand Opfer eines Tötungsdeliktes wurde.

Das Opfer ist dann nicht alleine der oder die Tote. Dieser Gedanke findet sich in jeder Schilderung des Autors. Schon beim Übermitteln der Nachricht an die Angehörigen sind Vorsicht und Umsicht geboten. Nicht selten fordert Thiess direkt Verstärkung durch das KIT (Kriseninterventionsteam) an, um sofortige psychologische Betreuung sicherzustellen. Das ist insbesondere bei kleinen Kindern wichtig.

Die Motive, um die es in den geschilderten Fällen geht, sind vielfältig: Neben simpler Habgier ist es enttäuschte Liebe, die zu Tötungen führt, sind es Situationen, die mehr oder minder plötzlich emotional außer Kontrolle geraten. Besonders bedrückend wirkt hier aber noch ein anderes Motiv – die Angst vor Hinfälligkeit und Pflegebedürftigkeit, aus der heraus ein Rentner erst seine schlafende Frau und dann sich selbst erschoss: Man wollte später niemandem von den Angehörigen, weder Kindern noch Enkeln, zur Last werden.

Es ist der knappe und klare Stil von Richard Thiess, der die geschilderten Tötungsfälle und die Schicksale dahinter umso klarer erscheinen lässt. Die Ermittlungen selbst gestalten sich zumeist eher unspektakulär. Es geht vor allem um Spurenauswertung, um genaues Durchdenken vorhandener Zeugenaussagen, und manchmal reicht in diesen eine winzige Ungenauigkeit, um die Ermittelnden nach einiger Zeit auf die richtige Spur zu bringen. Für spektakuläre Szenen ist in diesem Buch kein Platz – sie wären auch nicht authentisch.

So wird ein Berufsbild beschrieben, für das der Untertitel des Buches alles andere als Übertreibung ist.

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