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Erich Kästner: Als ich ein kleiner Junge war. Deutscher Taschenbuch Verlag (dtv); 7,90 Euro.

Wir Kästners sind auf die weite Welt nicht sonderlich neugierig. Wir leiden nicht am Fernweh, sondern am Heimweh. Tragisch: Als Erich Kästner 1957 diese Zeilen schrieb, lebte der gebürtige Dresdner schon lange in München, und es zeichnete sich ab, dass seine Geburtsstadt für ihn künftig schwer oder gar nicht erreichbar sein würde, bis zum Mauerbau waren es aber noch rund vier Jahre.

So ist das Heimweh, das er hier beschreibt, nicht das Heimweh durch die deutsch-deutsche Teilung, sondern jenes nach einer anderen Zeit. Kästner erinnert sich an das Dresden der Jahrhundertwende, an die Zeit, da die Verbindung von Altstadt und Neustadt in Dresden für ihn ein einziger Abenteuerspielplatz war. Und manchmal nahmen die Abenteuer einen spektakulären Ausgang – zum Beispiel, als der kleine Erich im Vorbeigehen eine Frau wiedererkannte, die kurz zuvor seine Mutter um viel Geld geprellt hatte und die Täterin nach einer anstrengenden Verfolgungsjagd erfolgreich stellen konnte. Und wer in dieser Kindheitserinnerung Parallelen zu Kästners Emil Tischbein entdeckt, der mit seinen Freunden den Taschendieb Grundeis durch halb Berlin verfolgt, liegt sicher nicht falsch.

Dass nicht alles in dieser Kindheit eitel Sonnenschein gewesen ist, macht Kästners Erinnerungen noch lesenswerter. Kümmernisse, auch in der eigenen Familie, verschweigt oder beschönigt er nicht. Und die Erinnerung als Paradies, aus dem man vertrieben wird, hat hier einen dramatischen Hintergrund – die Zerstörung der Stadt Dresden durch Kriegsbomben im Februar 1945. Heute dagegen hat man beim Gang durch das frühere Elbflorenz durchaus eine Vorstellung davon, wie es gewesen ist, als Erich Kästner ein kleiner Junge war. Auch den Prasselkuchen, den er voll sehnsüchtiger Erinnerung beschreibt, kann man wieder genießen. Von daher hat das jetzt in aktueller Auflage erschienene Buch gut 50 Jahre nach erstmaligem Erscheinen eine ganz besondere Aktualität bekommen.

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