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Wenn es je ein Automobil gegeben hat, bei dessen Vermittlung der Fahreindrücke die Historie bemüht werden musste, so gehört dieses Exemplar wohl dazu: der Opel GT. Er war nicht nur eine Stil-Ikone der späten Sechziger und frühen Siebziger Jahre. Er war auch optischer und emotionaler Ausreißer eines grundsoliden deutschen Autobauers, der sich im Produzieren kreuzbraver Durchschnittsautos selbst erfunden hatte. Und er war gleichzeitig der Beweis der These, dass eingefleischte Opel-Fahrer nicht unbedingt ältere Herren mit Hut und Schweißband sein müssen. Das betörende Automobil war seinerzeit eine Mischung aus sportlicher Brachialgewalt und bourgeoiser Hemdsärmeligkeit.

Die Neuauflage des Fahrzeugs, das damals genau so hip war wie lange Koteletten, Flower-Power-Hemden, Plateau-Sohlen oder lindgrüne Cordanzüge kann heute seine US-amerikanischen Wurzeln nicht verleugnen. Immerhin läuft der GT in den USA als Pontiac Solstice (zu deutsch: Sonnenwende) und transferiert seine formale Botschaft ohne Scheu über den Großen Teich: Egal, aus welchem Blickwinkel man den Opel GT, der seit Frühjahr 2007 wieder Einzug auf unser Straßenbild gehalten hat, auch betrachtet: er verhehlt nicht, dass der Wagen verdammte Ähnlichkeit mit dem US-Proleten-Porsche namens Corvette hat, der im Schonwaschgang leider etwas geschrumpft ist.

Auf der entsprechenden Heckantriebs-Plattform von General Motors wurde neben dem Pontiac Solstice auch dessen Schwesternmodell Saturn Sky gefertigt. Und eben der Opel GT. Letzterer vereinigt das Beste aus drei Designer-Welten in sich: ein kurzer Knack-Po, der, wäre er nicht aus totem Material, zum Reinbeißen animiert. Dazu ein extrem kurzer Radstand, ebensolche Überhänge, und ein Formenmeer an wagemutiger Karosserie, das eine Mischung aus purem Übermut und sinnlicher Wollust suggeriert.

Das Fahrzeug ist in jeglicher Form kompromisslos: In seinen Tugenden wie auch in seiner sprichwörtlichen Arroganz gegenüber scheinbaren Notwendigkeiten eines Automobils. Womit wir beim Thema Platz wären. Was nicht da ist, braucht man auch nicht. Einen Kofferraum etwa. Gibt es nicht. Basta. Da hinten unter dem Blech auch noch der Tank rein gequetscht wurde, gehen schon mit geschlossener Haube nur mal eben 100 Liter rein. Wird der GT aber, was ja eigentlich seine Bestimmung ist, seines Stoffmützchens beraubt, geht in Sachen Transport so gut wie nichts mehr.

Der Verzicht auf derlei profane Annehmlichkeiten setzt sich im Innenraum nahtlos fort. Im Anschluss an die Rückenlehnen ist Schluss, ein kleines Staufach an der Rückwand nimmt bestenfalls Geldbörse, Haustürschlüssel und die Koffer in Form von Kreditkarten auf. Was auch für die Ausdehnung des Handschuhfachs gilt. Der Raum längsseits des massiven Mitteltunnels wird sinnvollerweise ausschließlich mit ein paar grazilen Ballett-Füßchens ausgefüllt.

Und dennoch: Trotz oder gerade wegen dieser offensichtlichen Mängel an Alltagstauglichkeit ist diese puristische Fahrmaschine ein nicht versiegender Quell der (Lebens-)Freude. Der 264 PS starke, Turbo-Aufgeladene Zweiliter-Motor lebt – und das unüberhörbar – vom Drehmoment. Aus zwei Litern Hubraum kann angesichts dieser Leistungssumme nicht viel an Vortrieb kommen. Das heißt also: fleißiges Arbeiten am Schaltknüppel ist angesagt, das Triebwerk giert förmlich nach Drehzahl, erst bei fast 7.000 Touren haut der Begrenzer rein. Das metallische Klicken und Klacken beim Gang-Wechsel macht auch gleich das Prinzip der Kupplung deutlich: Druckpunkt ist ein Fremdwort. Entweder die Gänge kurz und schmerzlos reinhauen, mit dem Hecktriebler einen Paso doble auf den Asphalt legen und Spaß daran haben oder die Finger von dem Auto lassen und den Bus nehmen.

Mit dem Slogan Nur fliegen ist schöner ging ein geflügeltes Wort der Marketingstrategien des Hauses Opel einst in die Werbegeschichte ein. In vier Jahrzehnten hat sich die Geschichte der zweisitzigen Roadster ebenso wie jene der Fliegerei weiter entwickelt. Etwas übrig geblieben aus jener Zeit gegen Ende der Roaring sixties ist dennoch vom Spruch, dass nur das Fliegen mehr Sinnlichkeit verspricht. Auch im neuen Opel GT. Zumal die Fahrzeug-Insassen bestenfalls auf Platz, aber nicht auf die elementaren und aktuellen Sicherheits-Features verzichten müssen. Und das zu einem akzeptablen Preis von 32.400 Euro.

Text und Fotos: Jürgen C. Braun

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