AvD Oldtimer-Grand-Prix: Im Theater der Träume

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Motorsport hat viele Facetten: Rundstreckenrennen auf zwei und vier Rädern, Bergrennen, Rallye-Wertungsprüfungen, Trials, Kart, Slalom-Wettbewerbe, ja sogar Indoor mit waghalsigen Sprüngen und Stunts auf eigens dafür konzipierten Maschinen. Eine der faszinierendsten Arten, dem Rennsport überhaupt nach zu gehen, ist jedoch mit Sicherheit der historische Motorsport. Erstens, weil von den seltenen Fahrzeugen eine ungeheure Anziehungskraft ausgeht, weil man sie (vor allem als Rennboliden) kaum noch zu sehen bekommt. Und zweitens, weil sie gleichzeitig ein Stück lebendiges Geschichtsbuch einer großartigen Zeit sind, in denen das Rennen noch auf der Strecke im waghalsigen Kampf Fahrer gegen Fahrer und nicht in der Telemetrie am Boxenstand entschieden wurde.

Die klassischen Rennwagen der verschiedensten Kategorien stellen nicht nur einen ungeheuren Sammlerwert dar, sie sind auch Beleg dafür, dass es mit bloßer Hände Arbeit hinter dem Volant, im verdreckten und ölverschmierten Overall noch möglich war, die Konkurrenz in Schach zu halten. Einer Ära, in der Ritterlichkeit und Respekt dem Gegner gegenüber im Kampf mit den wild gewordenen Elementen des Verbrennungsmotors keine leeren Schlagwörter, sondern Synonym für eine noble Lebensauffassung waren.

Genau dafür, für diesen Zeitgeist, steht auch die weltweit größte Veranstaltung des historischen Motorsports, der alljährlich stattfindende Oldtimer-Grand-Prix des Automobilclubs von Deutschland (AvD), der am Wochenende zum 38. Mal auf dem Nürburgring über die Bühne ging. Auftakt und gleichzeitig einer der Höhepunkte des Festivals zugleich war am Freitag auf der Nordschleife der Historic Marathon. Genau so einzigartig war das am Samstag und Sonntag darauf folgende Revival der deutschen Rennsport-Meisterschaft. Die beiden Fahrerlager am Nürburgring waren wieder ein hoffnungslos überfüllter Treffpunkt und Sammelplatz von Oldtimer-Liebhabern. Viele Markenclubs, das Standbein dieser Veranstaltung, präsentierten sich mit Hunderten von restaurierten Schätzen ihrer Firmen- und Hersteller-Vergangenheit.

Von Pre-Wars, also Vorkriegsfahrzeugen aus den 30er Jahren bis hin zu den Youngtimern aus den 80er Jahren waren sowohl bei Gleichmäßigkeitsprüfungen wie auch bei insgesamt zwei Dutzend Rennen auf der GP-Strecke des Nürburgrings Autos zu sehen und zu hören, von denen jedes einzelne seine eigene Geschichte hatte. Viele davon aus den Gründerjahren der Gebirgs- und Versuchsrennstrecke rund um das kleine Eifeldörfchen Nürburg in der nördlichen Eifel. Das älteste Fahrzeug am Wochenende war ein 78 Jahre alter Invicta S-Type aus dem Jahr 1931. Er wie auch weitere Schmuckstücke vom Schlage eines Talbot Lago T105C aus dem Jahr 1936 fuhren nicht gegeneinander, sondern paradierten in einem selbst festgelegten Zeitlimit über die Strecke. Fahrzeuge dieser Zeit stammen größtenteils aus Privatsammlungen, sie werden auf der Nordschleife ausgeführt, ohne dabei Schäden an den kostbaren Einzelstücken zu riskieren.

Der AvD, der Anfang der 70er Jahre die mehr oder wenige spleenige Idee einiger Privatleute aufgriff, die sich zu Historic-Rennen trafen, hat den Oldtimer-Motorsport auf dem Nürburgring mittlerweile perfektioniert. Was aus der Nürburgring-Show, wie die Erstauflage hieß, inzwischen geworden ist, davon hätten sich Initiatoren nie etwas träumen lassen. Mehr als 600 Autos, fast 1.000 Teilnehmer, darunter auch klangvolle Fahrer-Namen wie Ex-Rallye-Weltmeister Walter Röhrl oder Ringkönig Klaus Ludwig, zieren die inzwischen zur Tradition gewordene Veranstaltung am Ring.

Aber nicht nur die bei uns bekannten Rennsport-Ikonen gehören zum festen lebenden Inventar auf dem Nürburgring. Rob Sherrard, ein 57-jähriger Gentleman Driver von der zwischen Australien und Neuseeland gelegenen Insel Tasmanien pilotierte am Wochenende den ehemaligen Sauber-Mercedes C9 aus der Sportprototypen-Weltmeisterschaft. Es war schon immer mein Traum, ein solches Auto zu besitzen. Ich fahre zwar erst seit vier Jahren Rennen, aber dieses Auto wollte ich immer mal in Renn-Trimm bewegen, erzählte der Mann aus Down Under, der den 720 PS starken, sich im Privatbesitz befindenden, Silberpfeil über den GP-Kurs scheuchte. Ihm, wie auch allen anderen Teilnehmern rund um den ganzen Erdball erging es an diesem Wochenende gleichermaßen: Sie befanden sich in ihrem ganz persönlichen Theater der Träume.

Text und Fotos: Jürgen C. Braun

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