DTM im Zeitalter der Abwrackprämie: Krise? – Welche Krise?

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Hockenheim, Samstag früh. Der Morgen erwacht in der badischen Kleinstadt, die das Flair des großen Motorsports seit Jahrzehnten in die Welt hinaus trägt. Von den schon recht saftigen Grashalmen der Wiesen perlen noch die letzten Tautropfen herab. Das erste Renn-Wochenende dieses Jahres war tags zuvor mit Glanz und Gloria, oder besser gesagt mit Blitz und Donner über die nordbadische PS-Metropole eingefallen. Es schüttete wie aus Kübeln. Auf den Campingplätzen rund um die Rennstrecke waten demzufolge heute morgen die ersten Fans schon knietief im Matsch, während auf dem Asphalt des Motodroms unter diesen Bedingungen Wet Race angesagt war.

Die ersten Trainings-Sessions der Markenpokale im Rahmenprogramm wurden eine Beute der Wetterhexe. Die Rennsaison begann zumindest aus der Sicht von Jörg Kachelmann und Kollegen eindrucksvoll an diesen Maitagen. Es schien, als hätten Pankratius und Kollegen, die Eisheiligen, sich noch einmal mit einem letzten Grollen verabschieden wollen. Ein Wochenende, an dem – wie alle Jahre wieder an dieser Stelle – die weltweit größte Tourenwagenserie – ihren Auftakt nehmen sollte: Die Deutsche Tourenwagenmasters (DTM), das immerwährende Duell zwischen den vier Ringen aus Ingolstadt und dem Stern aus Untertürkheim hatte zum Start geladen.

In diesem Jahr, der Saison 1 nach der Krise oder vielleicht doch besser mittendrin in der Krise, interessieren nicht nur die Trainingsergebnisse und die Renn-Platzierungen. Es geht auch um das Verhalten der Motorsportfreunde an der Strecke und auf den Tribünen. Werden weniger kommen als in den Jahren zuvor, wird die Begeisterung vielleicht nachgelassen haben im Zeitalter einer Wortschöpfung, die vor Jahresfrist noch keiner zwischen Pit Lane und Paddock kannte: in der Ära der Abwrackprämie. Um die Mittagszeit füllt sich das Fahrerlager, die Menschentrauben werden dichter. Mercedes und Audi bitten zum Blick hinter die Kulissen: Renntaxi, Gang durchs Fahrerlager, Autogramme. Längst hat nicht nur der Kampf um die Gunst der Motorsportfreunde, sondern auch der potenziellen Käufer begonnen.

Zwischen den gewaltigen, meterlangen Trucks – etwa 80 an der Zahl – laden mobile Showrooms, quasi glitzernde Paläste auf Stelzen, die Besucher ein. Seat, Volkswagen, Audi, Mercedes, Porsche: alles was an diesem Wochenende zum Tanz auf dem Schwarzen Gold bittet, zeigt die neuesten Kreationen. Von den grünen Ecomotive-Modellen der spanischen VW-Tochter bis zum neuen viertürigen Porsche, dem Panamera, ist alles vertreten in den Gassen zwischen den Zeltwänden und Motorhomes. Die Besucher drängeln sich, Foto-Handys klicken, Flugblätter werden verteilt und finden reißenden Absatz. Als akustischer Hintergrund dazu das ohrenbetäubende Brüllen der DTM-Triebwerke während des Qualifyings. Der Motorsport, die DTM, die vielen Markencups, sie haben uns alle wieder.

Die Ingolstädter zeigen der Konkurrenz an diesem Wochenende, was eine Harke ist. Oder vielleicht besser, was ein Bremslicht ist. Fünf Audi im Qualifying vorn, sechs unter den ersten acht. Im Rennen am Sonntag sieht es nicht viel anders aus. Altmeister Tom Kristensen, der Le-Mans-Spezialist, führt die Armada mit den vier Ringen ins Ziel, der erste Mercedes folgt als Fünfter. 50.000 Motorsportfreunde bestaunen die Dominanz des weiter entwickelten A4 DTM auf der Strecke und im proppevollen Motodrom. Begeisterung pur wieder auf den Rängen, fast so emotional wie zu Timo Scheiders Meisterfeier im Oktober 2008. Was wir tags zuvor geahnt haben, bekommen wir am Sonntag, beim ersten Rennen, bestätigt: Die DTM hat sie wieder, ihre Fans.

Und die Krise? Welche Krise?

Text: Jürgen C. Braun / Fotos: Bernhard Schoke

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